Me-Time wirklich geniessen? Gar nicht so leicht…


Unser Sohn ist jetzt 10 Monate alt. Nachdem seine Ankunft unser Leben wie ein Erdbeben erschütterte (Stichwort: Schreibaby), hat sich unser Familiendasein mittlerweile angenehm eingependelt. Wir haben uns kennengelernt, wir finden unseren Sohn grossartig und er uns auch – soweit wir das beurteilen können. Wir freuen uns über einen mehr oder weniger regelmässigen Schlafrythmus und verbringen immer mal wieder Bilderbuchmomente im Familienbett, in der Badi oder beim Grosi im Garten.

Klingt perfekt. Was ist denn das Problem?

Trotzdem war ich vor einigen Wochen auf einmal unendlich müde. Ich fühlte mich, als wäre mein ganzer Körper mit diesen Sandgewichten behängt, die sich andere Leute zum Joggen um Hand- und Fussgelenke schnallen. Eines Freitagabends heulte ich meinen Mann derart voll, dass ich auf seinem T-Shirt einen tellergrossen Fleck aus einem schmierigen Tränen-Mascara-Gemisch hinterliess.

Was wollte oder brauchte ich denn noch mehr? Ich habe einen Mann an meiner Seite, den ich über alles liebe und mit dem ich mir all die neuen Aufgaben teile. Mein Job-Pensum konnte ich auf angenehme 60 Prozent reduzieren und meine Vorgesetzten zeigen viel Verständnis für die Anfänger-Mama. Viele meiner Freundinnen sind Neu-Mütter, ich kann mich jederzeit mit ihnen austauschen. Ich gehe mehrmals pro Woche zum Yoga, kann mir Zeit nehmen zum Meditieren und Lesen, gehe regelmässig in den Apéro und in den Ausgang. Me-Time. All die Dinge, die mir Freude machen, haben auch im neuen Leben Platz.

Warum war ich auf einmal so erschöpft?

Mit grösster Vorsicht (er wollte das Tal der Tränen nicht gleich wieder fluten, hatte ich mich doch eben etwas beruhigt) wagte mein Mann einen Versuch und fragte mich:

“Kannst du die Zeit für dich denn geniessen?”

“Klar, warum sollte ich das nicht tun?”

“Weil ich manchmal den Eindruck habe, du hättest ein schlechtes Gewissen, wenn du weg warst.”

Ich wollte ihm Paroli bieten, doch stattdessen schnappte ich nur nach Luft. Denn: Er hatte recht. Verdammt recht.

Während ich darüber nachdachte erkannte ich, dass ich – kaum war ich jeweils wieder zu Hause – zu Übersprungshandlungen neigte. Hektisch flitzte ich dann durch die Wohnung, räumte Spielsachen zur Seite, die niemanden stören, putzte abends um elf die (verhältnismässig) saubere Küche und beharrte darauf, die nächsten 257 Nachtschichten zu übernehmen, nur weil ich einen einzigen Abend lang weg war.

Und wenn ich ehrlich war, begann es schon früher. Nämlich dann, wenn ich im Yoga in der Schlussentspannung war oder mir ein weiteres Bier bestellte: Ich wurde nervös, schaute immer wieder auf die Uhr und erstellte im Kopf meterlange To-Do-Listen. Ich war nur noch physisch anwesend; mental wechselte ich längst wieder Windeln.

Ich hatte zwar Me-Time, aber ein riesiges schlechtes Gewissen.

Mir wurde klar, in welchem Teufelskreis ich Ehrenrunde um Ehrenrunde drehte: Weil ich erschöpft war, wollte ich mir mehr Erholung gönnen und Freiraum schaffen. Diese Auszeiten konnte ich aber nicht geniessen, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte. Zu Hause wollte ich das kompensieren und kreierte Pendenzen, die keine waren. Und wurde noch gestresster, noch müder…

Das Verrückteste am Ganzen: Nichts und niemand gab mir einen Grund für dieses schlechte Gewissen. Ich ganz alleine war dafür verantwortlich. Natürlich hatte ich mich jeweils mit meinem Mann abgesprochen, bevor ich für die Party des Jahres zusagte oder ein Schweige-Seminar buchte. Aber nie hatte er mir zu verstehen gegeben, dass ich mir zu viel rausnehmen würde, ganz im Gegenteil.

Ich musste ihm einfach endlich glauben, dass es okay ist, Zeit für mich zu haben.

Dass ich eine Auszeit verdient habe.

Damit mir das leichter fällt, hatte er mir noch einmal ausdrücklich versichert, dass er mir sagen würde, wenn es für ihn nicht stimmte. Und ich hatte ihm versprochen, dies ebenfalls zu tun. Unmissverständliche Kommunikation ist hier der Schlüssel zur Freiheit. Oder zumindest zu einigen Stunden qualitativ hochwertiger Me-Time.

Ich übe mich nun fortan in der Kunst des Annehmens. Und des Geniessens. Wenn ich ausgehe, bleibe ich so lange, bis es mir verleidet. Übernimmt mein Mann die Nachtschicht, mache ich meine Ohrstöpsel rein, damit ich nichts höre. Wenn ich mit ausschlafen dran bin, tue ich das, bis ich wirklich aufstehen mag.

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Eine grossartige Übungsanlage war das Wochenende mit meinen Freundinnen in Kopenhagen. Drei Tage und zwei Nächte weg. Im Flugzeug wiederholte ich Mantra-mässig:

Es ist okay. Ich geniesse es. Meine Männer schaffen das ohne mich.

Und siehe da: Ich genoss meine Freiheit wie eine Kuh die Wiese nach einem Winter im Stall. Offline-Shopping, viel Tratschen und Lachen und Apéro am frühen Nachmittag. Leicht einen Sitzen und keine Termine haben  – es war herrlich.


Weshalb Mütter lernen müssen, ihre Auszeit zu geniessen. www.anyworkingmom.comMichelle de Oliveira ist Journalistin, Social Media Redaktorin, Yogalehrerin und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. www.yogamichelle.ch

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2 Kommentare zu “Me-Time wirklich geniessen? Gar nicht so leicht…

  • Danke für den Artikel. Ich kämpfe momentan sehr nur ein bischen me-time zu haben. Die einzigen momente sind nach 20h wenn der kleine schläft und Papa arbeitet. Aber dann bin ich meistens so müde, dass ich um 21.30 einschlafe, oder wenn wir mal zu dritt ein Tag frei haben, und wir uns dann aufteilen: morgens ich frei, nachmittags er frei. Die me-time geht dann aber auf Kosten der höchst seltenen Familienzeit zu dritt. Aber es lohnt sich: 4h alleine durch den Wald wandern ohne überhaupt jemand anzutreffen, aber selbst dort kann ich fast nicht abschalten (Job, Familie, Verpflichtungen…).

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  • Danke danke danke für diesen Artikel, ich hab versucht, meinem Mann zu erklären, wie ich mich fühle und konnte einfach nicht die richtigen Worte finden – vorallem weil ich selber nicht genau wusste, wos drückt. Du sprichst mir aus der Seele!

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