Wieso macht mir Nichtstun so ein schlechtes Gewissen?

Unsere Zeit hier auf der Welt ist kurz. Wir möchten sie mit Leben füllen. Und dann? Verplanen wir jede freie Minute in unserer Agenda mit Terminen, kreuzen täglich zahlreiche Kästchen auf unserer To-do-Liste ab und wenn wir abends müde auf dem Sofa hängen, setzt sich das schlechte Gewissen zu uns. Raunt uns zu, dass wir doch nicht alles gemacht haben und jetzt auch noch faul herumliegen.

Wieso glauben wir, immerzu etwas tun zu müssen, um unserem Leben mehr Wert zu geben?

Busy sein hört sich gut an. #not

Eine volle Agenda zu haben – busy zu sein – gilt heute als Zeichen, gefragt zu sein und ein erfülltes Leben zu haben. Aber ist das Leben wirklich erfüllt oder primär gefüllt?

Wenn der Alltag ein endloser Termin-Marathon ist und man dauernd umherrennt, bleibt wenig Zeit, um darüber nachzudenken, was man eigentlich tut. Man macht es einfach. Hangelt sich entlang der ellenlangen Taskliste und arbeitet sie im Autopilot-Modus ab.

Sobald ein Ziel erreicht ist, machen wir uns auf zum nächsten.

Und dann wird die unerwartete Pause zum Durchatmen auf dem Sofa irgendwie unangenehm. Man fühlt sich unnütz, ungebraucht, ungefragt. Schlecht. Hoffentlich sieht das niemand und fragt kein Mensch morgen danach, was ich gestern Abend noch gemacht habe.

Nichtstun ist unerträglich. In einer Studie wurden Menschen eine Viertelstunde allein in einen Raum gesetzt. Zwei Drittel der Männer und ein Viertel der Frauen verpassten sich in dieser Zeit lieber selber Stromschläge, als einfach so dazusitzen.

Nichtstun ist nicht nichts tun.

Ja, das Leben ist kurz und jede Minute davon auskosten zu wollen, ist mehr als verständlich. Auch ich fühle mich immer wieder getrieben, mehr zu tun.

Aber wenn ich etwas tue, kann ich es wirklich bewusst wahrnehmen und geniessen? Wenn ich etwas tue, aber mit dem Kopf anderswo bin, wieso tue ich es dann? Und das Wichtigste: Wieso tue ich das überhaupt? Erfüllt es mein Leben und mich wirklich oder füllt es nur meine Agenda?

«Ein dafür untrainierter Geist beschäftigt sich nicht gerne mit sich selbst», begründeten die Forscher der Stromschlag-Studie das Verhalten der Teilnehmenden. Und auch der Psychologie-Professor James Danckert sagt treffend: «Langeweile fühlt sich unangenehm an, weil sie dich dazu drängt, die Person zu sein, welche die Kontrolle hat. Anzuerkennen, dass du Autor:in deines eigenen Lebens bist.»

Aber wenn wir uns erst gar nicht mit uns selber beschäftigen, wie finden wir dann heraus, was uns wirklich wichtig ist?

Wir sollten vielleicht einfach mal beginnen, Nichtstun zu trainieren.

Wie können wir das Nichtstun besser ertragen und Energie tanken? www.anyworkingmom.com

Das Nichtstun üben und das Tun bewusst geniessen.

Über die Jahre habe ich gemerkt, dass es mich nicht zwingend zufriedener macht, mehr oder möglichst viel zu tun. Sondern vielmehr das, was ich tue, bewusst zu tun.

Etwas zu tun, weil ich es will und es mir guttut. Nicht, weil eine Lücke im Kalender es mir ermöglicht oder es auf der To-do-Liste steht.

Trügerisch ist auch, wenn ein Ziel erreicht ist und sofort einer Steigerung dessen nachgejagt wird. Der Klassiker: Ein Kind ist da. Wann kommt das zweite?

Wieso können wir nicht einfach auch mal sein und den Moment geniessen? Weil Nichtstun in unserer Gesellschaft als etwas Schlechtes wahrgenommen wird. Eine Person, die nichts tut, sei faul, unbeliebt und bringe es zu nichts im Leben. Das hören wir von klein auf – zumindest die meisten von uns.

Haut ab mit Hobbys!

Bei mir fing es bereits als Kind an. Ich habe Hobbys gehasst. Nicht wegen dem, was ich dabei tat, sondern wegen der fixen Verpflichtung.

Mir widerstrebte es, mehrere Wochen am Stück an einem bestimmten Wochentag etwas zu tun. Ich wollte tun, wonach es mir gerade war. Auch, wenn ich nichts Produktives hervorbrachte. Einfach bisschen «Zeit für mich» würde ich heute als Erwachsene sagen.

Ganz nah bei den Hobbys stand auf meiner Hass-Liste auch der klassische Aufsatz nach den langen Sommerferien. Eigentlich war es nämlich einfach ein Pseudo-Leistungsausweis über das, was ich in den vergangenen Wochen alles getan habe. Und danach das merkwürdige Gefühl, wenn ich faktisch weniger gemacht hatte als andere.

Dabei waren es Ferien und die sind doch auch da, um einfach mal nichts tun zu müssen. Oder?

Work hard, play hard?

Heute ist das Gefühl vergleichbar mit demjenigen am Sonntagabend, wenn ich wieder nicht all das gemacht habe, was ich mir fürs Wochenende vorgenommen hatte. Oder spätestens am Montagmorgen, wenn Arbeitskolleg:innen fragen, was ich gemacht habe. Und ich merke: eigentlich nicht viel, mit dem ich jetzt prahlen könnte.

Wie können wir das Nichtstun besser ertragen und Energie tanken? www.anyworkingmom.com

Wir identifizieren uns so stark mit unserer Leistung, dass wir nicht nur im Job gerne als fleissig und leistungsfähig angesehen werden, sondern auch in unserer Freizeit diesem Ideal hinterherjagen. Gerade weil uns die freie Zeit neben der Arbeit so knapp vorkommt, wollen wir auch hier möglichst viel reinpacken und quasi kompensieren, was wir während unserer Arbeitszeit nicht erledigen können.

Und so haben wir dauernd das Gefühl, wir rennen irgendwas hinterher und würden nicht genug tun.

Stopp, Hamsterrad!

Wenn bei mir ein schlechtes Gewissen aufkommt vom Nichtstun oder ich im Gegensatz dazu endlose Runden im Hamsterrad drehe und ein To-do nach dem anderen im Autopilot-Modus abarbeite, frage ich mich gerne kurz ganz bewusst:

Könnte ich jetzt in diesem Moment nur eine Sache tun, wäre es diese?

Wenn meine Antwort Ja lautet, dann ist alles wunderbar. Es kommt schliesslich nicht darauf an, möglichst viel zu tun. Sondern das für uns persönlich Richtige zu tun.

Und dazu gehört auch, mal faul zu sein und sich auszuruhen. Und einfach den Moment zu geniessen. Sei dies im Pischi irgendwelchen alten Kram durchstöbern oder zu beschliessen, das Buch nach zwei Dritteln nicht fertig zu lesen und ins Brockenhaus zu bringen, weil es eigentlich seit Beginn nicht mein Geschmack war.

Zu oft tun wir Dinge, die uns eigentlich nicht (mehr) entsprechen. Aber wir glauben, sie würden uns etwas bedeuten und halten aus Gewohnheit oder weil sie seit jeher auf der To-do-Liste stehen daran fest.

Nur weil wir etwas immer getan haben oder tun können, müssen wir es nicht tun.

Wie ein Freund, der aus purer Routine mit seinem Familienauto jeden Samstagmorgen in die Waschanlage fuhr, weil er früher viel Wert auf seinen schnittigen Flitzer gelegt hatte. Aber heute eigentlich viel lieber planlos und gemütlich den Morgen mit den Kindern verbringt.

Prioritäten und Interessen verschieben sich. Wir müssen nur den Mut haben, uns selber ständig zu hinterfragen und Veränderungen zu begrüssen.  

Dauerparkkarte bei meiner Energietankstelle

Ich muss nicht eine messbare Leistung erbringen oder jemandem etwas beweisen mit meinem Dasein. Erst recht nicht mir selber.

Aber genau da liegt das Hauptproblem. Bei mir.

Ich habe dann doch immer das Gefühl, ich könnte noch mehr tun. Müsse mehr tun, um mich nicht zu enttäuschen und mir nicht irgendwann mal vorzuwerfen, dass ich es nicht ausreichend versucht habe oder hart genug für etwas gearbeitet hätte.

Meine wunderbare Freundin Anja Vatter hat es kürzlich sehr treffend gesagt: «Wir müssten das Gegenteil kultivieren – das schlechte Gefühl darüber, uns selbst und unsere Bedürfnisse zu vernachlässigen.» Recht hat sie.

Und das versuche ich seit einiger Zeit. Ich hab mir quasi eine Dauerparkkarte bei meiner Energietankstelle zugelegt. Und mittlerweile sind wir ganz gut eingespielt und ich vertraue mir, wenn mich mein inneres Navi zu ihr steuert.

Manchmal verweile ich etwas länger an der Tankstelle oder kurve spontan bei ihr vorbei, wenn das Warnlicht blinkt. Aber ich weiss, dass ich diese Momente und Phasen des scheinbaren Stillstandes brauche. Und dass der Stillstand nicht ewig währt. Ich tanke Energie, um danach wieder durchzustarten. Und darauf kann ich vertrauen.

Auch wenn ich natürlich immer mal wieder Angst habe, dass ich niemals mehr dort loskomme. So ein Quatsch! Oft entstehen in diesen Momenten des scheinbaren Nichtstuns nämlich ganz wunderbare Dinge. Und eigentlich spüre ich ja ganz klar für mich: 

Ich brauche nicht mehr Fülle.

Sondern Erfüllung.

Und du?

Autorin
Der Brief der kinderlosen Freundin an die Mutter - www.anyworkingmom.com

Jrene Rolli schreibt, rennt und tut, was sie glücklich macht. Nachdem 2017 ihr Freundeskreis mit den Neugeborenen Nick, Felix, Jack, Julie, Mila, Jeanne, Jonas, Cem und Nico drastisch gewachsen ist, beschäftigen sie Kinderthemen primär als gute Freundin der Eltern. Zudem scheitert sie als Gotti von Emma und Fabio mindestens zweimal jährlich beim Einpacken von Geschenken. Gäbe es Tippspiele für Babynamen, sie wäre Profi.

Fotografin

Valentina Verdesca ist 36 und lebt mit ihrem Mann, 3 Kindern, 2 Hasen und 2 Schildkröten in einem Dorf im Aargau. Aktuell versucht sie, die Familie und die Arbeit als Fotografin irgendwie unter einen Hut zu bringen und beides gut zu machen – was mal mehr, mal weniger gelingt. www.valentinaverdesca.ch Instagram: @valentinaverdesca

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