Unter Wasser

An einem Donnerstag im September, vier Wochen nach der Geburt unseres zweiten Sohnes, eröffnete mir mein Mann, dass er vor sechs Monaten eine Beziehung zu einer anderen Frau angefangen habe. Und auch weiterführen wolle.

Ich sass da. Unser neugeborenes Baby – das letzte Vermächtnis unserer Liebe – auf dem Arm. Hörte seine Worte, aber verstand sie nicht. Einen Moment lang schien alles stillzustehen.

Meine Welt bekam Risse, zuerst kleine, dann Gletscherspalten. Ich spürte, wie mein Herz zerbricht. Ganz langsam. Und wie dann eine riesige Flutwelle hineinströmte, in der ich während der nächsten Tage und Wochen gegen das Ertrinken kämpfte.

Mein Mann hat mir das alles verkündet, als wäre es etwas völlig Normales. Er sagte, er liebe mich. Er sagte auch, er habe sich in eine andere Frau verliebt.

Er sagte, er liebe mich. Er sagte, er habe sich in eine andere Frau verliebt.

Lena

Er schlug eine offene Beziehung vor. Die Frau sei kein Ersatz für mich, betonte er, nichts Besseres, einfach etwas Anderes und das wolle er auch. Er stand da mit erhobenem Haupt und schien überhaupt nicht zu verstehen, was er im Begriff war, zu tun. Mir anzutun.

Ich hörte auf zu essen, zu trinken, zu schlafen und landete noch einmal im Spital im Krisenzimmer der Wochenbettstation. Meine Milch war nach vierundzwanzig Stunden weg. Ich wusste, ich muss mich überwinden: Ich habe zwei Kinder, die mich brauchen.

Manchmal war ich deshalb richtig wütend, dass es ihretwegen keine andere Option gab, als weiterzuleben! Ich war gezwungen, zu mir zu schauen, obwohl ich nicht mehr zu mir schauen wollte.

Unter Wasser - Verlassen vom Vater des neugeborenen Kindes - www.anyworkingmom.com

Die Liebe zu meinen beiden Buben, die sonst in mir nur so übergeflossen ist, habe ich gar nicht mehr gespürt. Mein Inneres war eine einzige grosse Wunde.

Ich habe das Baby gestillt, ich habe es gehalten, aber ich war nicht bei ihm. Wenn mein Sohn geschlafen hat, habe ich manchmal vergessen, dass es ihn gibt, und bin zusammengezuckt, wenn ein Wimmern aus dem Körbchen drang.

Und nach einiger Zeit habe ich realisiert, dass ich an jenem Donnerstag aufgehört hatte, mit meinem kleinen Sohn zu reden. Ich musste alle Kräfte aufbringen, um wieder damit anzufangen. 

Mein Inneres war eine einzige grosse Wunde.

Lena

Vor allem meine Freunde waren während der ersten vier Wochen fast immer da. Sie wechselten sich ab, kochten, wiegten das Baby in den Schlaf. Ich war ja noch im Wochenbett. Ohne sie wäre ich wohl in einer Klink gelandet.

Ich hatte eine wunderbare Hebamme, die Woche für Woche kam, obwohl es längst nicht mehr um die Versorgung des Babys ging. Ich hatte psychologische Betreuung und bekam Medikamente.

Ich hatte mir viele Sorgen gemacht während der Schwangerschaft. Wird die zweite Geburt wieder so kurz und heftig? Werde ich das zweite Kind so innig lieben können wie das erste? Wie wird der ältere Sohn reagieren? Wir haben es doch so schön zu dritt! Werden wir es auch schön haben zu viert?

Wir waren in ein wunderschönes altes Haus gezogen. Wir hatten Pläne für die Zukunft.

Lena

Was dann eintraf, war nicht vorgekommen in meinem Sorgenkatalog. Wir hatten keine Beziehungskrise gehabt. Wir waren in ein wunderschönes altes Haus gezogen. Wir hatten Pläne für die Zukunft. Ich habe einen Mann mit hohen ethischen Werten geheiratet. Vertraute ihm. Ich war voller Liebe für ihn. Und doch ist das Unvorstellbare passiert.

Niemand hatte davon gewusst. Alle waren fassungslos.

In einer Zeit, in welcher die Hormone einer Frau verrücktspielen und sie besonders dünnhäutig ist, in der sie im wörtlichen wie im übertragenen Sinne auf wackeligen Beinen steht, in dieser ebenso magischen wie anstrengenden ersten Zeit, in der eine Frau zerzaust und im Pyjama mit ihrem Baby auf dem Sofa liegen sollte, in der sie müde und erschöpft ist und sich danach sehnt, dass ihr Mann nach Hause kommt und sie beide in den Arm nimmt …

In einer Zeit, in der eine Frau zusammen mit ihrem Mann ihr Kind anschauen und sich zusammen mit ihm über dessen erstes Lächeln freuen möchte – in dieser Zeit musste ich der Tatsache ins Auge blicken, dass mein Mann während der Schwangerschaft eine Liebe bei einer anderen Frau gefunden hat, zu einem anderen Körper gegangen ist, derweil ich kaum noch auf meinen geschwollenen Beinen stand.

Ich musste aushalten, dass er aus den Armen einer anderen Frau zu uns kommt. 

Lena

Ich konnte es nicht fassen. Ich hätte es sogar irgendwie annehmen können, wenn die Sache zu Ende gewesen wäre. Doch ich musste aushalten, dass er es weiterhin macht, dass er aus den Armen einer anderen Frau zu uns kommt. 

Denn er kam.

Anfänglich hatte ich ihn weggeschickt, weil die Situation für mich unerträglich war. Aber nach zwei Wochen wollte ich, dass er zurückkommt – alleine hätte ich es schlicht nicht geschafft. Ich wollte nicht in eine Institution, ich wollte nicht von anderen Menschen abhängig sein und ich wollte, dass auch der kleine Sohn eine Beziehung zu seinem Vater aufbauen kann.

Und auch er, mein Mann, wollte das. Ich wusste, dass er trotz allem ein wunderbarer Vater für die Kinder ist.

Da war ich also mit meinem von der Schwangerschaft und Geburt gezeichneten Körper, den zu mögen mir ohnehin schwerfiel, obwohl er gerade so viel geleistet hatte, und fühlte mich nicht gut genug, nicht schön genug, nicht inspirierend genug. Ich fühlte mich so unendlich abgewertet, betrogen und verraten. 

Ich fühlte mich so unendlich abgewertet, betrogen und verraten. 

Lena

Auch meinem Mann ging es oft sehr schlecht. Er ist eigentlich der fürsorglichste und behutsamste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er sagte, es sei schlimm für ihn, mich leiden zu sehen. Aber an der Beziehung mit dieser Frau hält er bis heute fest.

Obwohl er nie ganz zu ihr wollte. Sie seien kein Paar, betonte er. Es sei eine Liebschaft. Er wollte seine Familie und die Affäre.

Unter Wasser - Verlassen vom Vater des neugeborenen Kindes - www.anyworkingmom.com

Eine Zeit lang empfand ich Abscheu und Ekel vor fremden Menschen im Bus. Überall sah ich Betrüger und Betrügerinnen. In der Nacht überfielen mich die schlimmsten Träume und Bilder: Mein Mann mit einer anderen Frau im Bett – „sie ist unabhängig, sie will sich nicht fest binden“, sagte er über sie, als ob dies das eigentliche Ideal wäre -, während ich mit Milchflecken auf dem Pulli und nach Kotze riechend zu Hause sass.

Sie ist unabhängig, sie will sich nicht fest binden.

Lenas Mann

Ich, nicht mehr unabhängig, sondern gebunden an die Kinder und auch abhängig von ihm, weil ich seine Hilfe als Vater brauchte. Ich war im Mutterschaftsurlaub und konnte mich nicht mit Arbeit ablenken. Ich konnte nicht eine Woche weg mit einer Freundin, um in einer anderen Umgebung auf andere Gedanken zu kommen. Da war ein vierjähriger Junge und ein Säugling, den ich alle zwei Stunden stillen musste.

Ich sass fest in meiner Rolle der betrogenen Ehefrau und Mutter.

Jener Donnerstag im September ist nun neun Monate her. Noch ist nichts gut. Nichts ist geheilt. Nichts verarbeitet. Aber ich lebe. Und ich sehe wieder, warum es sich lohnt.

Ich sehe wieder das Schöne. Ich mag meinen Körper wieder. Ich spüre wieder die Liebe zu meinen beiden Söhnen. Es ist eine Liebe, die ewig ist. Wenn wir eng aneinandergeschmiegt im Bett liegen und sie mich beide anschauen, so hell und rein, dann weiss ich, dass ein Ort in mir ganz geblieben ist. Dort ist die Schönheit und die Liebe und das Leben. Und dort sind auch meine Kinder. Ich spüre, dass es ein Privileg ist, dass sie mir anvertraut wurden. Dass ich ein grosses Glück habe.

Noch ist nichts gut. Nichts ist geheilt. Nichts verarbeitet. Aber ich lebe.

Lena

Ich werde mit ihnen Lobelien und Thymian pflanzen im Frühling und Eis essen im Sommer. Wir werden die Gerüche des Herbstes riechen, den Nebel auf der Haut spüren und die Blätter im Wind tanzen sehen. Wir werden durch den Schnee stapfen und ich werde ihnen erklären, warum ich die kalte, reine Winterluft mag. Wir werden in eine Wolldecke gehüllt Bücher lesen und uns in der Weihnachtszeit an den vielen kleinen Lichtern freuen, die sich in den Augen meiner beiden Buben spiegeln.

Ob ich ihn zurücknehmen würde? Diese Frage stelle ich mir nicht mehr. Aber tiefe Liebe ist ein hartnäckiges Ding. Und ich ertappe mich manchmal dabei, wie ein unvernünftiger Teil in mir hofft, dass er irgendwann aufwachen wird, und dass es den Mann, den ich so innig geliebt habe, immer noch gibt. Aber wahrscheinlich – mit der Zeit – werden diese Gedanken und Gefühle seltener werden. 

Ob ich ihn zurücknehmen würde? Diese Frage stelle ich mir nicht mehr.

Lena

Der Schmerz über mein verlorenes Glück und mein so bitter enttäuschtes Vertrauen ist immer da und wird vielleicht immer zu mir gehören. Die Wellen werden wahrscheinlich noch lange kommen: Wellen der Traurigkeit, Wellen der Verzweiflung, Wellen der Wut, Wellen der Eifersucht.

Aber ich weiss mittlerweile, dass sie kommen und gehen und hoffentlich irgendwann seltener werden. Ich will nicht, dass meine Kinder eine Mutter haben, die verbittert ist oder die in Traurigkeit versinkt.

Ich bin zerbrochen, aber ich weiss jetzt, dass ich auch ganz bin. Da ist immer beides. Jeden Tag. 

Autorin
Lena Autorenporträt (Symbolbild) - www.anyworkingmom.com

Lena M.* ist 34, Logopädin und lebt mit ihren zwei Buben im Kanton Zürich.

*Lenas richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

Illustratorin
SarahWeishaupt

Sarah Weishaupt, geboren 1984, arbeitet als Grafikerin und freischaffende Illustratorin. Unter anderem für Magazine wie Surprise Strassenmagazin, easyjet Board-Magazin, Psychologie heute. Sarah hegt eine Passion für Pflanzen und Brockenhäuser. Sie lebt mit ihrem Partner und kleinem Sohn in Basel.

Kafikasse_Any_Working_Mom

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

zu den Kommentaren

DAMIT DU WEISST, WAS LÄUFT

Abonniere jetzt unsere persönlichen Newsletter und erhalte als Dankeschön unsere

Familien-Packliste für Skiferien!

Wir bewahren deine Daten sicher auf und teilen sie nur mit Drittanbietern, die diesen Service ermöglichen. Mehr Infos in unserer Datenschutzerklärung.

14

14 Kommentare zu “Unter Wasser

  • Liebe Lena
    Viel Kraft wünsche ich Dir, du starke Frau! Und einen neuen Mann, der Dich zu schätzen weiss, damit Dein angeschlagenes Selbstvertrauen wieder heilen kann.
    Alles Gute!

      Antworten
  • Liebe Lena
    Deine Geschichte hat mich extrem berührt. Ich kann deine Gefühle so gut nachvollziehen, weil ich denke, ich würde sehr ähnlich reagieren. Vielen Dank für deine Ehrlichkeit. Ich wünsche dir und deinen Buben ganz viel wunderschöne Momente, egal in welcher Jahreszeit ;-). Und ich hoffe fest, dass die Wellen der Verzweiflung je länger desto mehr abflachen werden.
    Herzliche virtuelle Umarmung, Sabine

      Antworten
  • Liebe Lena, deine Geschichte erinnert mich an meine eigene – nur war mein Sohn fast zwei Jahre alt. Nichts desto trotz wird einem der Boden unter den Füssen weggezogen… Was mir immer sehr geholfen hat/heute drei Jahre später immer noch hilft, war stets der Gedanke, immer im besten Interesse meines Sohnes zu handeln. Für ihn einen „neutralen“ Kontakt zum Vater zu haben, den Vater so weit wie möglich miteinzubeziehen, Dinge über ihn und die gemeinsame Zeit zu erzählen – wenn mein Sohn nachfragt. Der ganze Schmerz und die Wut wird immer weniger und weniger, was bleibt ist die Wehmut über das verloren gegangene (intakte Familie sein, die vermeintlich grosse Liebe, etc.). Alles Liebe für dich – es kommt gut <3

      Antworten
  • Liebe Lena*
    Ich drück dich unendlich fest. Deine Worte könnten wahrer nicht sein. Ich sitze schluchzend vor meinem mobile und spüre dich – klar, so klar. Wir scheinen eine sehr ähnliche Geschichte zu teilen.
    Das Gefühl des Ertrinkens ist überwältigend und kaum aushaltbar. Die Welt scheint still zu stehen und doch schneller zu drehen. Das Gefühl von völliger Orientierungslosigkeit und weit weg von einem sicheren Hafen. Welle für Welle. Weiter weg von sich selbst und doch so nah und bei sich. Ich habe grössten Respekt vor DIR und DEINER Stärke und wünsche dir ganz viel Kraft. DU bist ein unglaublich toller Mensch. Heb dr fescht Sorg. Der ond dine Jungs.

      Antworten
  • Ich denke er hat vor allem Sex gesucht und wird es irgendwann bereuen. Aber sorry, nimm ihn nicht zurück, er hat es nicht verdient. Wie kann man(n) eine Frau in einer so verletzlichen Phase einfach hängen lassen. Es ist schön, dass er ein guter Vater ist, aber lass ihn los als Partner, das ist befreiend.

      Antworten
  • Liebe Lena

    Deine Geschichte hat mich zu Tränen gerührt.
    Ich wünsche dir von Herzen ganz viel Kraft und Freude für dich und deine beiden Söhne und dass der Schmerz stetig etwas abnimmt und Platz macht für Neues. Ich bewundere deine Stärke!

    Eine herzliche Umarmung

      Antworten
  • So unfassbar und bewegend, diesen Text zu lesen. Und so mutig und stark, ihn zu schreiben. Mir als Leserin fehlen die Worte – ich wünsche dir aber ganz viel Kraft und wunderschöne Momente mit deinen Buben und schicke dir eine Umarmung!

      Antworten
  • Deine Geschichte hat mich auch sehr berührt. Alleine dies zu lesen hat mich irgendwie wütend gemacht. Am schlimmsten find ich, dass er dir die schöne erste Zeit mit deinem Neugeborenen nahm. Dass du dies nicht geniessen konntest. Ich umarme dich fest und wünsche euch für die Zukunft alles alles Liebe und viele schöne Momente!!

      Antworten
  • Ich wünsche dir ganz viel Kraft. Meine Geschichte ist sehr ähnlich, verstehe deine Enttäuschung und Trauer. Für mich war/ ist es ein langer Weg wieder glücklich zu werden und vertrauen zu können. Schau gut zu dir!

      Antworten
  • Liebe Lena

    Danke für deine Geschichte. Du konntest in Worte fassen, was ich noch nicht kann. Habe vor 6 Monaten mein erste Kind geboren und genau dasselbe erlebt wie du!
    Ich wünsche dir viel Liebe und Kraft!

      Antworten
  • Unfassbar, einfach unfassbar. Wie kann ein Mann, der offenbar bis dahin ein wundervoller Ehemann und Vater war, seiner Frau so etwas antun? Abartig egoistisch von ihm, während seine Frau gerade auf alles verzichten muss was ihr zusteht. Es macht mich sprachlos und bricht mir das Herz das zu lesen!

      Antworten
  • So etwas dürfte einfach nicht passieren. Auch ich bin sehr berührt und sende Dir die allerbesten Gedanke und viel Kraft und hoffe, dass die reine Liebe Deiner Kinder Dich stärken kann.

    Alles alles Gute!!!

      Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Warenkorb

loader