So funktioniert Vereinbarkeit – 5 Tipps


Ha! Reingefallen.

Selbstverständlich war das übelstes Clickbaiting und ich habe selber keine Ahnung, wie Vereinbarkeit von Beruf und Familie leicht fallen soll. Für uns alle ist es ein täglicher Spagat, der manchmal gut funktioniert, und regelmässig mit einem emotionalen Bänderriss endet.

Damit er wirklich etwas einfach würde, muss sich noch vieles ändern: eine anständige Elternzeit muss her, damit mit dem traditionellen Rollenbild gebrochen werden kann und die Hauptlast des Familienmanagements nicht weiterhin hauptsächlich von der Frau getragen wird, und sie auf Wunsch früher und vor allem mit gutem Gewissen wieder arbeiten kann.

Gute, qualifizierte Betreuung muss bezahlbar sein und sich lohnen. Und vor allem muss sich in den Köpfen etwas ändern. CareWork muss als das angesehen werden, was sie ist: Arbeit, und zwar keine Arbeit, die man nebenher erledigt, sondern als Vollzeitjob.

Aber das nur ein paar Beispiele.

Ja, wir sind also noch weit davon entfernt, dass Vereinbarkeit “leicht” wird und die berühmte (und verhasste) Frage nach dem “alles unter einen Hut bringen” ehrlich mit Ja beantwortet werden kann. Aber.

Aber: In den letzten fünf Jahren habe ich doch so einige Lehren für mich gezogen, die mir helfen, nicht jeden Tag aufs neue die Balance zu verlieren.

#1 Den Schalter komplett umlegen

Eine der grössten Herausforderungen: die sekundenschnelle Transformation vom Arbeitsmodus in den Daheim-Modus. Das arbeitende Ich will effizient, schnell, präzis sein. Als Mutter möchte ich geduldig sein, muss Fehler zulassen und mich von jeglicher Effizienz komplett – komplett, denn es dauert auch mal gut 20 Minuten, eine Socke anzuziehen! – verabschieden.

Diesen Schalter im Kopf umzulegen ist nicht einfach. Vor allem dann, wenn “nur noch schnell ein Mail” zu machen wäre. Oder ein dringendes Telefon, während dem die Kinder selbstverständlich ruhig zu sein haben.

Die riechen solche Situationen aber wie Hyänen ihre Beute und stürzen sich mit Geheul darauf, um sich die verdiente, aber nicht erhaltene Aufmerksamkeit einzufordern. Notfalls auch mitten in einer Livesendung:

Es hat bei mir drei Kinder gebraucht, aber mittlerweile wird der Schalter mit dem Fuss auf der Türschwelle komplett um – und das Handy zur Seite gelegt. Bin ich zu Hause, dann bin ich zu Hause. Und im Notfall beginnt die zweite Arbeitsschicht dann halt um neun.

Die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist, hat mich ruhiger und präsenter gemacht. Sowohl im Job wie auch zu Hause. 

#2 Outsourcen

Wer kann all die Dinge erledigen, für die ich keine Zeit habe? Oder Zeit haben will? Viele alltägliche Dinge lassen sich outsourcen oder dann erledigen, wenn die Kinder schlafen.

Einkaufen? Heimlieferdienst. Putzen? Putzhilfe. Essen? Einmal pro Woche kommt bei uns der Pizzakurier und das ist ok so.

Daneben gibt es auch für Organisatorisches oder Büroarbeiten Hilfe: Virtuelle Assistenten erledigen von kleineren Fleissarbeiten bis hin zur Power Point Präsentation alles mögliche. Meine Steuererklärung macht schon lange jemand, der das total spannend (!) findet. Und im World Wide Web findet sich dank Twitter oder Fiverr immer sehr schnell jemand, der es besser kann als ich. 

Was man sonst noch so alles outsourcen kann, hier in einem separaten Post. Und, das sei hier extra noch vermerkt: Wer outsourced, soll das nicht auf Kosten anderer tun, sondern die gewonnene Zeit entsprechend vergüten.

#3 Whatever works: Sich vom eigenen Perfektionismus verabschieden

Fällt mir nach wie vor unglaublich schwer, aber man muss sich damit abfinden, dass einfach nicht genügend Zeit für alles bleibt und Prioritäten auch als solche wahrgenommen werden müssen.

Nein, meine Kinder haben keine Kyaraben-Znüniböxli, die wie Kunstwerke aussehen. Und um ehrlich zu sein, der Sohn hat momentan genau noch ein paar Jeans ohne Löcher (weder er noch ich sehen allerdings den Sinn, diese zu stopfen. Weil die nächsten Löcher ja sowieso gleich wieder da sind.) Wir kochen weder zuckerfrei noch supergesund, sondern halt einfach so, dass es nicht jeden Abend Tränen gibt. Findet sogar Jesper Juul ok.

Znüni meiner Kinder – just kidding. Foto (c) www.bentomonsters.com

Auch was mich selber betrifft, muss ich mich von alten Idealen verabschieden. Nein, es bleibt keine Zeit für eine frische Pediküre alle zwei Wochen. Der Mombod ist, wie er ist, und auch das ist gut so. Und Trockenshampoo finde ich IMMER noch eine ganz wunderbare Erfindung. Whatever works.

#4 Mut zur Ehrlichkeit und Hilfe annehmen

Ein alter Hut? Tausend Mal gehört? Klar, aber trotzdem ist es unglaublich schwierig, die Hilfe auch aktiv einzufordern. Gemeint ist damit auch nicht per se Hilfe in der Kinderbetreuung (Au-Pair, Babysitter, Grosseltern), sondern Hilfe, mit den immer wieder neuen Veränderungen als Familie klar zu kommen.

Wer so tut, als hätte sie alles im Griff, tut sich selber keinen Gefallen. Und fühlt sich auch oft alleine. Die Chance, dass bei der besten Freundin, der Nachbarin (und den Autorinnen dieses Blogs, ja!) auch nicht alles glatt läuft, ist gross. Deshalb: Sharing is caring. Oder getreu dem Claim unseres Blogs: Seien wir mal ehrlich.

Auch für die Beziehung ist der Familienalltag Zyanid. Nicht wenige Paare – oder ehrlich gesagt: die Frauen – suchen Hilfe bei Paartherapeuten. Was sich vielleicht im ersten Moment als Niederlage anfühlt (“WIR brauchen doch sowas nicht!”), kann eine riesige Chance für die Beziehung bedeuten. Denn wer sich in einem ruhigen Rahmen auf Augenhöhe begegnen kann, ohne, dass nebenbei Kinder betreut werden müssen oder ein anstrengender Tag zu Ende geht, lernt plötzlich ganz neu zu kommunizieren.

Wie so etwas ablaufen kann, haben wir in unserem Podcast Nörgeln ist ein Liebesbeweis! besprochen.

podcast felizitas ambauen#5 Man kann nicht alles haben – oder zumindest nicht gleichzeitig

Die Erkenntnis streift alle neuen Mütter irgendwann.  Wir hatten es uns ALLE ein wenig einfacher vorgestellt. Dachten, es wäre eine Frage der Organisation. Bis wir gemerkt haben, dass da auch noch andere Faktoren hineinspielen.

Ein System zum Beispiel, das nach wie vor von einer allzeit verfügbaren Stay-at-Home-Mom ausgeht. Unsere Emotionen, die unseren Plänen plötzlich einen Strich durch die Rechnung machen, weil sich unser ganzes Wertesystem verschoben hat. Und die Zeit, die plötzlich davon rennt, und schlicht keinen Platz für alles lässt, was man gerne machen würde oder sollte.

Ein Konzept spricht von der Four Burners Theory – die Theorie, dass wir nicht überall gleichzeitig Vollgas geben können, sondern eine Herdplatte halt eine zeitlang kalt bleibt. Bei den vier Herdplatten Familie, Beruf, Freunde und Gesundheit köcheln entweder alle auf niedriger Stufe, oder zwei werden stärker beheizt.

Wer auf allen Platten gleichzeitig Gas geben will, brennt irgendwann aus.

Tipps für Vereinbarkeit - www.anyworkingmom.com
(c) www.jamesclear.com

Die einzige Lösung für den Moment heisst deshalb leider: Akzeptanz.

Und für die Zukunft: Ein Wandel der Werte in unserer Gesellschaft, und daraus folgend auch des Systems. Womit wir dann aber wieder beim Anfang dieses Textes wären.

Und ehrlich gesagt leider auch an dem Punkt, an dem die Mütter vor 10 Jahren schon waren. 

 

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11 Kommentare zu “So funktioniert Vereinbarkeit – 5 Tipps

  • Sehr gut geschrieben, herzlichen Dank für den Artikel. Ich ertappe mich auch immer wieder dabei zu versuchen, bei allen 4 “Herdplatten” gleichzeitig Gas zu geben. Ich arbeite dran, auch mal Fünfe gerade sein zu lassen und es wird immer besser 😉

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  • Hallo Andrea
    Sehr toller Blogpost! #thestruggleisreal 🙂
    Falls mal wieder eine Krise kommt und ich versuche auf allen Herdplatten gleichzeitig und gleich heiss zu kochen, weiss ich nun, dass ich mich lieber hinsetzen soll und mir diesen Artikel wieder zu Gemüte führe.
    Ich wünsche dir und deiner Familie noch eine wunderschöne und erlebnisreiche Reise. Freue mich auf weitere Artikel.
    Liebe Grüsse, Moni
    http://www.unterwegsmitmir.com

      Antworten
  • Liebe Andrea
    Ich bin heute auf deine Seite gestossen und lese seither deine Artikel ganz fasziniert (diesen Artikel über Vereinbarkeit und jenen über Reisen mit Kleinkindern).
    Ich finde es sehr erfrischend, wie du schreibst und sehe im Inhalt viele meiner eigenen Gedanken beschrieben. Es ist selten, auf einen Blog zu stossen, in welchem nicht durch die Zeilen suggeriert wird, eine Mutter müsse ihre eigenen Interessen hinter die ihrer Kinder stellen.
    Herzlichen Dank dafür, dass du klar aufzeigst, dass dies nicht unbedingt nötig ist und es auch die Kinder gut haben, deren Mütter nicht rund um die Uhr um sie kreisen und versuchen, alles perfekt zu machen.

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    • Anja Knabenhans

      Liebe Kathrin, da Andrea grad irgendwo in Australien rumtourt, antworte ich. Merci vielmals, das freut uns alle sehr! LG, Anja

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  • Yeah yeah yeah, liebe andrea, du mein sprachrohr, das du bist! wenn ich gut dichten könnte, dann würd ich jetzt ein lyrisches gedicht hinschmettern, denn du sprichst mir in so vielen deiner texte so was von aus dem herzen, aber es ist besser, ich lass es, das mit dem dichten…
    So long… to all you moms: rock on!

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  • liebe Andrea und awm-team,
    auch mir sprechen die Texte aus dem Herzen…nach bald 4 Jahren und zwei Kids bin ich immer wieder die Balance zwischen den vier Herdplatten zu finden. Und ich merke, dass sich die Balance immer mal wieder verschiebt…aber am wichtigsten – ja, man muss/sollte sich selber ‘wegen den Kindern’ nicht aufgeben und Mut haben, Hilfe einzufordern -auf welcher Stufe auch immer…
    go rock it awm’s 😉

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    • Liebe Luzia – YOU rock. Vielen Dank. Schreiben ist eine anonyme Sache, wer liest, vergisst manchmal, dass da eine reale Person dahinter steckt. Danke Dir, dass Du das erkannt hast – es bedeutet uns wirklich sehr viel. Und generell, wir sollten viel mehr Komplimente machen. Drum: Merci, von Herzen!

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  • Hey Andrea

    Danke, die Herdplattenidee bringt es auf den Punkt und es ist traurig aber wahr, dass Gesundheit und Freunde auch Platten sind, auf denen wir nicht ständig kochen können, so müssen Sport (Gesundheit) und Freunde leider auch des Öfteren auf Sparflamme kochen und für uns ist es schwierig das einzugestehen.
    Ich wünsche dir eine gute Woche, in welcher alle Herdplatten befriedigend zum Einsatz kommen.
    😘

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