Was, wenn Selbstfürsorge nicht möglich ist?

«Geh doch einfach mal für dich allein Kaffee trinken und in Ruhe Zeitung lesen.»
«Warum organisierst du dir nicht einmal im Monat einen Abend für dich?»
«Plane doch einmal wöchentlich eine fixe Sporteinheit ein.»

Solch gut gemeinte Ratschläge hat jede Mutter schon gehört. Sicher haben wir auch mal solche Tipps verteilt. Dabei wissen wir doch selbst: Wenn wir einer Freundin erzählen, wie mental und mit Terminen überladen unser Alltag ist, wollen wir meistens nur eins: es rauslassen und gehört werden. Die Tipps für mehr Selbstfürsorge können wir schliesslich selber googeln.

Weil, seien wir ehrlich: Die Fülle an Blogs, Workshops, Webinars und Coachings für mehr Gelassenheit und Resilienz ist eher überfordernd und führt zu einem Gefühl von «das sollte ich auch noch.» Wir wissen alle, was uns guttun würde, aber Selbstfürsorge erfordert Zeit und Vorausplanung. Und was vielen nicht bewusst ist, auch Geld und ein Support-System. 

Was, wenn die Lebenssituation weniger privilegiert und das familiäre System bereits bis aufs Äusserste ausgelastet ist? Was ist mit alleinerziehenden Personen, die wenig verdienen und sich Freiräume nicht finanzieren können? Oder was geschieht, wenn die Familie in eine Krise gerät, jemand krank wird oder ausbrennt, und alle Hände an Deck gefragt sind?

Drei Frauen haben uns einen Einblick in ihr Leben gegeben. Sie erzählen über die Zeit in ihrem Leben, als Selbstfürsorge keine Option war. Auf ihren Wunsch haben wir ihre Namen verändert und einige Details anonymisiert.

Monika: Luft holen und paddeln

Monika verbringt gerade ein paar Wochen in einer Reha-Klinik. Vor ein paar Monaten hat die Ärztin sie wegen Erschöpfung und Bandscheibenvorfall krank geschrieben. Wenn sie nicht hier ist, arbeitet sie drei Tage pro Woche als Lehrperson.

Schon in der Schwangerschaft war klar, dass sie vollumfänglich alleinerziehend sein würde. Der Vater ihrer Tochter, die heute neun Jahre alt ist, lebt im nahen Ausland und zahlt minimale Alimente, sieht sein Kind kaum. Um das bereits fragile Beziehungsgleichgewicht nicht zu gefährden, hat Monika sich bewusst gegen rechtliche Wege und mehr finanzielle Unterstützung entschieden.

Seit zehn Jahren gibt es für Monika, die heute vierzig ist, kaum Entlastung vom Muttersein rund um die Uhr. Sporadisch ermöglichen ihr ihre Eltern oder Freund:innen eine Auszeit am Abend oder am Wochenende. «Aktuell habe ich es finanziell relativ gut», erzählt sie. «Es gab aber auch Zeiten, da lebte ich am Existenzminimum. Ich weiss genau, was es heisst, wenn sowohl die zeitlichen wie auch die finanziellen Ressourcen sehr eingeschränkt sind.»

In den ersten Jahren, bis ihr Kind in den Kindergarten kam, hatte Monika kaum Pausen oder Freizeit. «Anfangs gab es noch den Mittagschlaf», sagt sie, «aber da musste ich mich selber hinlegen, die Nächte waren so anstrengend.» Mit dem Kindergarten entstanden Freiräume: zwei Vormittage pro Woche. Doch die waren mit Hausarbeit, Unterricht vorbereiten und Ferienkompensation schnell belegt.

Die Kosten für eine Kinderbetreuung hätten bedeutet, auf Ferien oder eine Zugfahrt zu Freund:innen zu verzichten. Ein Abendessen im Restaurant und ein Bahnticket plus eine Babysitterin konnte sich Monika im besten Fall nur einmal im Jahr leisten.

«Mein inneres Bild für all diese Jahre ist: Ich musste abtauchen und schwimmen. Wenn meine Familie doch einmal auf meine Tochter aufpasste und ich etwas mit Freund:innen unternehmen konnte, war es für mich das absolute Highlight. Ein Gefühl, als könne ich endlich aufatmen! Aber kaum war der Abend vorbei, musste ich wieder Luft holen und paddeln.»

Seit ihre Tochter im Schulsystem ist, reserviert Monika einen Vormittag pro Woche für die Yogaklasse, die ihr heilig ist. Oft fallen aber Therapietermine für ihre Tochter, die gesundheitlich eingeschränkt ist, gerade auf diesen freien Vormittag. «Wenn meine Yogazeit wegfällt, versuche ich mir andere Zeitfenster zu schaffen, zum Beispiel abends, wenn meine Tochter schläft, oder morgens, bevor sie aufsteht. Das geht aber auf Kosten meines Schlafs.»

Selbstfürsorge organisieren oder sich umorganisieren, kostet wieder Zeit und Energie.

Trotz allem ist Monika dankbar für ihr soziales Umfeld. «Ich musste lernen, um Hilfe zu bitten und sie in Anspruch zu nehmen, bevor es zu spät ist. Trotzdem finde ich es unglaublich schwierig, Freund:innen zu fragen: ‘Ich würde gerne ausgehen. Magst du mein Kind hüten?’ Ich weiss doch selbst, alle Mütter sind voll eingebunden! Seit ich offiziell die Diagnose Erschöpfung habe, ist es einfacher, Hilfe anzunehmen. Ich habe keine Wahl.»

Bis heute wird Monika das Gefühl nicht los, dass jeder Gefallen mit einer Gegenleistung verdankt werden muss. «Ich freue mich sehr, wenn befreundete Familien uns zum Abendessen einladen. Wenn ich mich aber revanchieren will, bringt mich ein Znacht für eine vierköpfige Familie und dazu noch eine Flasche Wein finanziell an meine Grenzen. Lange hatten wir nicht einmal genug Platz am Tisch für so viele Leute.»

Obwohl ihr Umfeld immer grosses Verständnis für ihre Lebenssituation zeigt, sind Monika Schamgefühle nicht fremd. Es hilft ihr sehr, wenn Freund:innen klar kommunizieren, dass sie keine Gegenleistung wollen. Konkrete Hilfsangebote sind die besten. Wenn jemand beispielsweise ein Ferienhaus zur Verfügung stellt oder eine Haushaltshilfe spendiert.

Was hilft? Zum Beispiel Fokus auf die kleinen Dinge.

Monika verspürt keinen Neid, wenn andere genug zeitliche und finanzielle Ressourcen für Selbstfürsorge haben. «Ich habe in den letzten Jahren fest gelernt, an meinen inneren Schrauben zu drehen. Wenn mein Kind spielt und ich in Ruhe eine Tasse Kaffee auf dem Balkon trinken kann, versuche ich, diese Zeit achtsam zu nutzen und abzuschalten. Wenn ich mir überraschend ein Interrail-Ticket leisten kann, schwappt meine Freude über.»

Monika ist dankbar, dass sie gut ausgebildet ist und dadurch mit einem Teilzeitpensum genug verdient, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Trotzdem fehlt für eine Weiterbildung und für bessere berufliche Perspektiven das Geld. «Aber es gibt auch Alleinerziehende, die hundert Prozent arbeiten müssen und ihr Kind kaum sehen. Wenn ich das bedenke, schätze ich die innige Beziehung zu meiner Tochter doppelt.»

Francesca: Angst vor dem Unvorhersehbaren

Francesca arbeitet in der Pflege und ist geschieden, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Zu Beginn ihrer Ehe steckte sie beruflich zurück und war in erster Linie Familienfrau. Heute erhält sie nur unregelmässig finanzielle Unterstützung von ihrem Ex-Mann. Die gut gemeinten Ratschläge kennt sie nur allzu gut – die meisten Selbstfürsorge-Tipps sind aus finanziellen Gründen nicht möglich. «Mein Geld reicht für Lebensmittel und essenzielle Kinderkleidung, secondhand natürlich.»

Wenn sie mitbekommt, dass andere Familien mal eben kurz auf die Malediven reisen, macht sie das nicht neidisch. Sie hat sich mit ihrer Lebenslage sehr gut abgefunden und findet es wichtig, dass gestresste Eltern sich Auszeiten nehmen – wie auch immer die aussehen.

Lieber zuhören statt Selbstfürsorge-Tipps raushauen.

Aber es irritiert sie, wenn sie ungefragt mit Inputs überschüttet wird – und seien die noch so gut gemeint. «Niemand hört einfach nur zu und sagt: ‘Deine Situation hört sich schwer an.’ Die Ratschläge verstärken bei mir das Gefühl, meine finanziellen Nöte und meine Erschöpfung seien selbstverschuldet und ich müsste mich nur mehr anstrengen, um etwas zu verbessern. Ich fange dann immer an, mich unnötig zu rechtfertigen.»

Ja, eine halbe Stunde alleine frühstücken, bevor die Kinder aufstehen, tut ihr gut. Sich in aller Ruhe einzucremen nach der Dusche, habe etwas Selbstfürsorgliches. Oder auch daheim tanzen, singen, sich ausgiebig schminken – und Selbstbefriedigung. «Aber es beschämt mich, dass sogar enge Leute denken, ich wüsste und täte all diese kleinen Dinge nicht. Als ob ich kein Recht darauf hätte, kaputt zu sein.»

Schamgefühle treten insbesondere dann auf, wenn die Kinder ein Extra brauchen, das nicht im Budget vorgesehen war. «Letztes Jahr waren die Klassenfotos plötzlich fünfzehn Franken teurer! Sie sind meinen Kindern extrem wichtig, deshalb hatte ich sie auch eingeplant. Der Aufschlag bedeutet allerdings, dass wir dann woanders Abstriche machen müssen.»

Francesca kann sich nicht vorstellen, wie sie ohne unterstützende Services, Stiftungen und Angebote durchkäme. Beispielsweise kann sie dank Reka-Ferien mit ihren Kindern in den Urlaub zu fahren, dank einer Stiftung eine Weiterbildung finanzieren.

Menschen, die mit Fingerspitzengefühl auf sie zukommen, tun Francesca besonders gut. «Als ein Schulkollege meine Tochter zum Geburtstag einladen wollte, fragte mich die Mutter ganz empathisch: ‘Ich weiss, Geschenke liegen für euch finanziell nicht drin. Wie können wir es machen, damit deine Tochter ans Fest kommen kann und sich dort wohl fühlt?’ So habe ich mich gesehen und doch nicht bevormundet gefühlt. »

Giulia: Wenn kein Stein mehr auf dem anderen bleibt

Vor einem Jahr ist Giulia mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in ein grosses Haus ausserhalb der Stadt gezogen. Hier fühlen sie sich in der Nachbarschaft gut aufgehoben und erfahren viel Unterstützung. Vor diesem Umzug durchlebte die Familie aber eine belastende Zeit. Giulia begleitete ihren an Krebs erkrankten Schwager in den Tod, kurz nachdem bereits ihr Schwiegervater verstorben war.

«Es war ein Jahr, in dem kein Stein auf dem anderen blieb», sagt Giulia. «Der Übergang ins neue Zuhause, der Eintritt ins Schulsystem und die Verluste in der Familie waren für unseren jüngeren Sohn so destabilisierend, dass er mit zwangsneurotischem Verhalten reagierte. Es war eine Höchstleistung, ihn täglich aus dem Haus zu bringen.»

Nach diesen strapazierenden Monaten erlitt Giulia mit vierzig einen erneuten Bandscheibenvorfall. «Es war nicht die erste Rückenverletzung, und doch konnte ich sie nicht verhindern. Die Überlastung hat zu lange auf meine Schultern gedrückt.»

Wenn alles zu viel wird, fällt die Selbstfürsorge weg.

Giulia ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis, wo sie vier Tage pro Woche tätig ist. Bis zu dieser intensiven Zeit vor einem Jahr war Giulia oft im Yoga und im Krafttraining, ging joggen und fuhr mit dem Velo praktisch überall hin. «Vor einem Jahr wurde die familiäre Belastung zu gross. Ich konnte mir die Zeit für Bewegung und Kopfverlüften schlicht nicht nehmen, obwohl ich wusste, dass ich den Ausgleich dringend brauchte», erzählt sie.

«Natürlich verhinderte auch der Bandscheibenvorfall selbst, dass ich bewusst abschalten konnte. Die Schmerzen waren so gross, dass ich phasenweise ab der zweiten Tageshälfte nur noch liegen konnte. Ich brauchte alle meine Ressourcen, um den Tag nur zu überstehen.»

Vor gut einem halben Jahr haben sich die familiären Wogen zwar geglättet, aber die körperliche Einschränkung war immer noch da. Aktuell steckt Giulia mitten in einer beruflichen Weiterbildung. Auch wenn sie begeistert dabei ist, frisst dieses weitere Engagement viel Zeit.

Gerade von ihren Freund:innen fühlt sich Giulia wenig verstanden, obwohl dies Menschen aus dem gleichen Berufsumfeld sind, die sich mit schwierigen Lebenssituationen auskennen. «Ich stosse auf viel Enttäuschung und Entrüstung, wenn ich mich sozial zurückziehe und beispielsweise Verabredungen absagen muss», erzählt sie.

«Im Moment kann ich Beziehungen nicht so pflegen, wie andere dies von mir gewohnt sind. Ich schade mir damit auch selbst, weil Freundschaften mein Rückgrat sinnbildlich auch stärken. Ich muss aber zugeben, dass mir im Moment die Kapazität und die Kraft fehlen.»

Ehrlichkeit würde helfen, aber…

«Ich möchte niemanden belasten mit meinen Herausforderungen. Ich weiss, dass die meisten Frauen in meinem Alter viel zu tragen haben», sagt Giulia. «Ich ertappe mich dabei, dass ich meine Themen bagatellisiere und runterspiele. Ich spreche beispielsweise nicht ehrlich über mein Arbeitspensum, das sehr viel Supervision, Selbsterfahrung und persönliche Entwicklung mit sich bringt. Ich spreche selten ehrlich darüber, dass ich das trotz einschneidender physischer Schmerzen hinkriege. So ist es wohl nicht überraschend, wenn mein Umfeld meinen Rückzug nicht nachvollziehen kann.»

Wenn sie vor einem Jahr Menschen morgens in Ruhe beim Kaffeetrinken und Zeitunglesen sah, war Giulia neidisch. «Ich konnte mir nicht erklären, was das für ein Leben ist, wie sich diese Menschen diese Zeitfenster rausnehmen können», sagt Giulia. «Mittlerweile finde ich es inspirierend und mag es diesen Menschen gönnen. Ich versuche mich auch wieder mehr dafür einzusetzen, dass ich ins Yoga kann. Ich merke einfach, wie gut es mir tut.»

Autorin

Elisa Malinverni lebt mit ihrer Familie in Bern. Sie ist Yogalehrerin, Buchautorin und Journalistin. Auf ihrem persönlichen Blog schreibt sie mit Vorliebe über die kritische Auseinandersetzung mit sich selbst, auf der Yogamatte und überhaupt im Leben. www.elisamalinverni.com


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