Muss ich mit meinem Kind spielen?

«Mami, kannst du mit mir spielen?» Wer kleine Kinder hat, hört diesen Satz wohl mehrmals täglich. Diese eine Frage, gestellt von meinem 3-jährigen Sohn, löst in meinem Kopf regelmässig eine Kaskade von Fragen aus:

Soll ich?
Habe ich Lust?
Und wenn nicht, muss ich trotzdem?
Gibt es Alternativen?
Was passiert, wenn ich Nein sage?
Schadet es ihm?
Fühlt er sich zurückgewiesen?
Bin ich eine schlechte Mutter?
Sollte er in seinem Alter nicht allein spielen können?

Ich spiele nicht gerne, am wenigsten Fantasiespiele.

Das war schon so, als ich mit 18 Fille au-pair in der Westschweiz war. Auto spielen, imaginär in die Ferien fahren, als Tiere durch die Wohnung hüpfen – das langweilt mich und macht mich innerlich nervös.

Müssen Eltern mit ihren Kindern spielen oder ist es wichtig, allein zu spielen? www.anyworkingmom.com
Eine Zeitreisemaschine im Garten. So klein, dass leider, leider keine Erwachsenen drin Platz haben… (Bild: Anja Knabenhans)

Meine Strategie: Ich schlage Alternativen vor: Sollen wir ein Buch anschauen? Ein Memory spielen? Puzzeln? Basteln? Etwas «Konkretes» halt, mit Anfang und Ende.

Simona Zäh, Leiterin des Kompetenz-Zentrums bindungsbasiert.ch, sagt, dass sich hinter dieser Aufforderung zum Mitspielen wohl eine Einladung versteckt, um mit meinem Kind in Beziehung zu treten. Es geht also weniger um den Inhalt des Spiels als um den Kontakt und die Verbindung, die dabei entsteht.

Für meinen Sohn bedeutet Mitspielen manchmal nur, dass ich neben ihm sitze und ihm zuschaue.

Beim Malen ist das oft anders. Er hat genaue Vorstellungen, was ich zu Papier bringen soll. Im Gegensatz zu mir. Ob Esel, Katze oder Hund – auf dem Papier sehen sie bei mir alle gleich aus. Mein Vorstellungsvermögen ist nicht sehr ausgeprägt. Mit Bausteinen Lokomotiven, Seilbahnkabinen und Waschanlagen zu bauen, bringt mich an meine Grenzen. «Ich kann das nicht so gut; Papa kann das viel besser», rutscht es mir heraus.

Im Spiel steht das Ergebnis nicht im Vordergrund, sagt Simona. Meine Wertung ist also fehl am Platz.

Zu werten fällt mir jedoch leichter, als zuzugeben, dass ich es nicht gerne tue:

Eine Mutter MUSS doch gerne mit ihren Kindern spielen, sonst…

Ja, was denn? Sonst stimmt etwas nicht mit ihr, sonst ist sie keine gute Mutter, sonst liebt sie ihr Kind nicht aufrichtig. Diese Glaubenssätze kennen wohl viele.

Etwas gerne tun zu müssen ist ein fieser Anspruch, der mich nervt. Ebenso wie der Impuls, zu beteuern, dass ich meinen Sohn über alles liebe, obwohl es mich wahnsinnig langweilt, mit ihm auf dem Strassenteppich zu sitzen und mit Autos Kurven zu drehen.

In Remo Largos «Babyjahre» habe ich gelesen, dass Eltern nicht zum Spielen da sind. Kinder brauchen dafür andere Kinder. In unserer Patchwork-Familie sind die drei grossen Kinder ideenreiche Spielpartner:innen für ihren kleinen Bruder. Auch in der Kita ist für Spielprogramm mit Kindern unterschiedlichen Alters gesorgt.

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Mit anderen Kindern zu spielen, kann auch bedeuten: zusammen ulkige Regeln ausdenken. (Bild: Anja Knabenhans)

Das entlastet mich: Seine Entwicklung ist durch meine «Spielaversion» wohl nicht gefährdet. Leise Zweifel bleiben trotzdem, genährt vom Anspruch, einem vermeintlichen Idealbild entsprechen zu müssen, oder der Angst, in der Rolle als Mutter mangelhaft zu sein.

Dabei ist es sogar wichtig, dass wir manchmal Nein sagen.

Es gibt Momente, da kann sich mein 3-Jähriger ohne weitere Gesellschaft in ein Spiel vertiefen. Es ist faszinierend, ihm dabei zuzuschauen, wie er Geschichten erzählend mit Figuren hantiert oder singend Autos aufreiht oder nach Farbe sortiert.

Manchmal geschieht dies, nachdem ich eine Spieleinladung abgelehnt habe. Natürlich reagiert er zunächst mit Unverständnis und Missmut. Ich versuche, Verständnis für sein Bedürfnis aufzubringen, erkläre aber, weshalb es jetzt nicht geht, und biete ihm an, bei meiner Tätigkeit mitzumachen oder ein bisschen zu warten, beispielsweise, bis das Nachtessen vorbereitet ist und ich ihm wieder meine volle Aufmerksamkeit schenken kann.

«Selber ins Spiel zu finden, ist nicht immer ganz einfach», sagt Simona Zäh. «Gut genährt, was Nähe und Zuwendung betrifft, fällt das leichter.»

Was braucht es sonst noch? «Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder überhaupt die Möglichkeit haben, sich im Spiel selbst auszudrücken», sagt die ausgebildete Lehrerin. Wenn Eltern ihre Kinder dauerunterhalten und jeden Anflug von Langeweile mit Programm ausfüllen, wird es schwierig.

Was wir also tun können, sind Zeitfenster zu schaffen, in denen unsere Kinder mit sich allein sein können.

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Versinken in Büchern, gucken und hören, entdecken, rätseln, singen, kichern und staunen… (Bild: Anja Knabenhans)

Spiel ist wie ein Treibhaus: «Weil das Spiel nicht real ist und weil in echtem Spiel das Resultat nicht zählt, ist es das perfekte Übungsfeld, um in all die Situationen einzutauchen und all die Dinge zu trainieren, die im Leben wirklich wichtig sind – dazu gehört insbesondere Fürsorge, aber auch Alarmierendes wie ohne Eltern zu sein», sagt Simona Zäh.

Im Spiel können aber auch Emotionen ausgelebt werden, ohne dass andere verletzt werden, vorausgesetzt, man fühlt sich sicher dabei. Das gilt auch für Erwachsene. Ich habe oft gestaunt, wie es zu und her geht, wenn mein Mann und die grossen Kinder Gesellschaftsspiele spielen. Da wird es laut und auch mal angriffig.

Ich mache selten mit; es macht mir mit meinen feinen Antennen keinen Spass. Das Thema Sicherheit hat mich auf eine Spur gebracht.

Was ist Spielen eigentlich?

Meine Definition ist eng gefasst: Das, was mein Sohn den ganzen Tag macht, und Gesellschaftsspiele vielleicht? Musik machen, Joggen oder Kunst betrachten, hätte ich nicht dazugezählt.

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Spielspass mit Pusteblumen: Wenn’s so viele hat, kann das schon mal länger dauern. (Bild: Anja Knabenhans)

Für Simona Zäh kann so vieles in Spiel verwandelt werden, denn oft kommt es auf unseren inneren Zugang an: Mache ich es freiwillig oder fühle ich mich gezwungen? Zählt das Ergebnis wirklich? Fühle ich mich sicher dabei, insbesondere um etwas in mir zum Ausdruck zu bringen?

Das leuchtet ein. Spielen ist folglich eine aktive Form der Erholung. Kein Wunder, ist es mir über die Jahre abhandengekommen, wurden doch die Verpflichtungen immer zahlreicher und der Fokus, die verbleibende Zeit möglichst produktiv und ergebnisorientiert zu nutzen, immer stärker.

So gesehen würde ich mir wünschen, wieder einen Zugang zum Spielen zu finden. Nicht primär für meinen Sohn, sondern für mich und mehr Leichtigkeit im Leben. Weniger outputorientiert, sondern einfach einmal treiben lassen – das nehme ich mir wieder öfter vor.

Autorin
Sarina Neuhauser, Autorin, Plötzlich Stiefmutter - www.anyworkingmom.com

Sarina Neuhauser lebt mit ihrer Patchworkfamilie und drei Hühnern – benannt nach Frauenrechtlerinnen – am Bodensee. Sie hat bei uns schon über das Leben als Stiefmutter geschrieben.

Full Disclosure: Dieser Beitrag wird durch unseren Partner Ravensburger unterstützt. Auf einigen Bildern ist der neue tiptoi® Stift zu sehen. Er kann via Ladestation geladen und mit Klebern und Extrahüllen personalisiert werden – und neue Produkte lassen sich noch einfacher auf den Stift übertragen.


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2 Kommentare zu “Muss ich mit meinem Kind spielen?

  • Liebe Sarina
    Was für ein toller Beitrag! Der Text könnte von mir sein … also meine Tochter ca. 2-jährig war, fand ich die Rollenspiele oft noch unterhaltsam, weil Kinder in diesem Alter lustige und phantasievolle Vorstellungen von der Welt haben, aber als sie etwa 4-jährig wurde, so nach 2 Jahren regelmässig “Ladenspielen” oder “mit dem Bäbi in die Ferien fahren” hab ichs dann wirklich gesehen. Ich bin froh, dass sie jetzt in den Kindergarten geht, ich sage ihr dann immer, dass sie ja dort mit anderen Kindern spielen kann und biete ihr an, mir im Haushalt zu helfen. Oder ich schlage ihr ein anderes Spiel vor, das ich selbst nicht so langweilig finde. Wenn ich ihr sage, dass ich keine Lust auf das von ihr vorgeschlagene Spiel habe, habe ich immer noch oft ein schlechtes Gewissen … ach herrje.

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