Mobbing: «Unsere Kinder stark zu machen, ist der beste Schutz»

Dr. med. Michael Elpers ist seit über 25 Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut tätig. Der Experte findet, dass Mobbing nicht länger als Kavaliersdelikt abgetan werden darf, zu gravierend sind die Folgen. Soeben veröffentlichte er sein zweites Buch «Wenn Kinder unter Kindern leiden. Prävention und Akuthilfe für Eltern bei Mobbing und Stalking». Wir haben mit ihm über seine Erkenntnisse gesprochen.

Michael Elpers, ist es Mobbing, wenn mein Kind auf dem Schulweg angefeindet wird?

Es kommt sehr darauf an. Auf dem Schulweg können schnell Konflikte oder Streitereien entstehen. Solche Konflikte sind normal und helfen den Kindern, eine eigene Streitkultur zu entwickeln.

Im Gegensatz dazu gibt es für Mobbing klare Kriterien. Die Anfeindungen müssen zielgerichtet sein, es gibt eine bewusste Schädigungsabsicht und es herrscht ein Machtungleichgewicht. Ausserdem findet Mobbing immer wiederholt und über einen längeren Zeitraum statt. Typische Erscheinungsformen von Mobbing sind körperliche Übergriffe, ständige Beleidigungen oder Erpressungen. Auch bewusstes Ausgrenzen und das wiederholte Zerstören von Gegenständen der Betroffenen gehört dazu.

Mobbing kann auch innerhalb der eigenen Familie stattfinden.

Dr. Michael Elpers

Wie merke ich, dass mein Kind gemobbt wird?

Oft zeigen sich depressive Verstimmungen und plötzlich auftretende, starke Ängste. Vielleicht verliert das Kind auch das Interesse an Hobbys oder hat starke Stimmungsschwankungen. Zudem können sich körperliche Beschwerden zeigen wie Bauchweh, Kopfweh, Erbrechen oder Schlafstörungen.

Meist wissen die Kinder anfangs nicht, dass sie gemobbt werden, und können deshalb auch nicht nachvollziehen, woher die Symptome kommen. Es ist daher wichtig, genau nachzufragen. Mobbing kann auch von Erwachsenen auf Kinder ausgehen oder sogar innerhalb der eigenen Familie stattfinden. Eine einmalige Demütigung oder Attacke reicht aber nicht aus, um von Mobbing zu sprechen.

Mobbing kommt auch innerhalb der Familie vor?

Ich bin immer wieder überrascht, wie gross das Tabuthema Mobbing in der Familie ist. Viele Eltern haben Angst, sich damit auseinanderzusetzen, oder spüren Schuld- oder Überforderungsgefühle. Es gibt gewisse Risikofaktoren für Mobbing in der Familie: zum Beispiel in Patchwork-Familien, wo viele verschiedene Menschen aufeinandertreffen, die sich nicht alle füreinander entschieden haben. Auch die verstärkte Berufstätigkeit beider Elternteile und die Isolierung und Erschöpfung der Familien bergen Risiken.


Zum Interviewpartner
Dr. med. Michael Elpers, Kinder- und Jugendpsychiater, Interviewpartner zum Thema Mobbing - www.anyworkingmom.com

Nach seiner Ausbildung in Berlin und England und langjähriger Tätigkeit in der Berliner Charité als Fach- und Oberarzt ist Dr. med. Michael Elpers seit vielen Jahren als Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut in grosser Gemeinschaftspraxis mit sozialpsychiatrischem Konzept niedergelassen. Im Jahr 2021 ist sein erstes Buch «Wenn die Kinderseele streikt» erschienen, im August 2023 sein zweites, «Wenn Kinder unter Kindern leiden».


Was gibt es für Risikofaktoren in Patchwork-Familien?

Aus meiner Praxisarbeit kenne ich Familienkonstellationen, in denen sich die Kinder an jedem Wochenende oder in jeder Woche neu arrangieren müssen. Einige der Kinder nehmen regelmässig lange Anreisen auf sich, um den jeweils anderen Elternteil zu sehen und haben immer wieder neue (Stief-)Geschwisterkonstellationen. Solche Familienmodelle erhöhen auf jeden Fall den Anpassungsdruck und den dadurch bedingten Stress bei Kindern.

Diese Erfahrung kann Kinder aber auch empathischer und resilienter machen.

Jegliche Familienmodelle sind im positiven Fall Lernfelder – zum Beispiel für eine gesunde Streitkultur. Dabei ist Respekt vor der anderen Person und deren Meinung eine Grundlage. Massgebend für die soziale und emotionale Entwicklung von Kindern sind zudem stabile Strukturen und Bindungen – das ist in allen Familienkonstellationen möglich. Je komplexer das Familiensystem aber ist, desto herausfordernder ist die Familienarbeit und desto klarer muss der Umgang miteinander und mit den bestehenden Regeln und Werten sein.

Konflikte zwischen den Geschwistern, Rangordnungen und das Erlernen von Konfliktlösungsstrategien sind aber grundsätzlich in allen Konstellationen ein sehr häufiges Thema in meinen Gesprächen mit Familien. Dabei werden Geschwisterkonstellationen und -beziehungen oft unterschätzt und sind enorm prägend.

Die Rollen können sich ändern. Das Opfer kann zum Täter werden und heftige Reaktionen und Aggressionen zeigen.

Dr. Michael Elpers

Wann spricht man von Mobbing unter Geschwistern?

Bei langanhaltender, bewusster Aggression zwischen Geschwistern, die auch hier ein Machtungleichgewicht beinhalten. Die Aggressionen können physischer, verbaler oder relationaler Art sein, zum Beispiel wenn ein Kind Gerüchte und Unwahrheiten über ein anderes verbreitet, es immer wieder abwertet. Die Rollen können sich dabei auch ändern. Irgendwann wird unter Umständen das Opfer zum Täter und zeigt heftige Reaktionen und Aggressionen.

Zieht sich ein Kind zurück oder hat immer wieder Wutanfälle oder wird aggressiv, ist es sehr wichtig zu analysieren, was die Vorgeschichte und Hintergründe sind. Wie ist es zum Vorfall gekommen und warum? Es passiert im Alltag schnell, dass Handlungen und Dynamiken übersehen werden.

Wie sollen Eltern vorgehen, wenn sie feststellen, dass sich ein Kind verändert oder Geschwister ungesunde Dynamiken entwickeln?

Erst einmal ist es wichtig, die Dynamiken anzusprechen. Spreche ich in Therapien aus, dass diese Dynamiken nicht «normal» sind, reagieren viele Eltern erst einmal mit Ablehnung. Ich kann das als Vater gut nachvollziehen. Dennoch sollten Eltern genau hinschauen, ob es einfach Geschwisterrivalitäten sind und normale Streitereien, oder ob es Mobbing ist. Dann braucht es eine schnelle Klärung, am besten mit allen Familienmitgliedern.

Nur wenn die Situation und Rolle aller Familienmitglieder innerhalb der Familie geklärt ist, kann nach nachhaltigen Lösungen gesucht werden. Dabei ist es wichtig, folgende Fragen zu klären: » Was hat das Mobbing ausgelöst? » Seit wann besteht das Mobbing? » Handelt es sich eher um verbale Anfeindungen, Ausgrenzungen und/oder körperliche Gewalt? » Wie kann man das gemobbte Geschwisterteil am besten schützen?

Beim Lesen Ihres Buches «Wenn Kinder unter Kindern leiden» kann es unter Umständen passieren, dass die Lesenden selbst feststellen: Ich habe gemobbt oder ich wurde gemobbt als Kind. Wie kann ich mit solchen Erkenntnissen umgehen?

Es gibt eine grosse Studie aus München, die sich nur mit dieser Frage beschäftigt. Dabei wurde festgestellt, dass Depressionen und Angsterkrankungen im Erwachsenenalter oft mit Mobbing-Erfahrungen in der Kindheit zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass Betroffene ein zehnfach erhöhtes Risiko haben, im späteren Berufsleben ebenfalls von Mobbing betroffen zu sein. Die Betroffenen benötigten zudem aufgrund ihrer internalisierenden Probleme signifikant häufiger professionelle therapeutische Hilfe.

Stellt man also fest, dass man Opfer oder Täter ist oder war, sollte man sich unbedingt damit auseinandersetzen, zum Beispiel in einer Therapie. Es kann sehr hilfreich sein, die Dynamiken aus der Kindheit zu erkennen, um wiederkehrende Probleme besser zu lösen oder Mechanismen zu durchbrechen, die einen belasten, zum Beispiel in der eigenen Familie oder in Partnerschaften. Mobbing kann auch rückwirkend noch aufgearbeitet werden.

Mobbing ist eine Gewaltform und muss unterbunden werden. Ein Streit jedoch sollte nicht unterdrückt werden.

Dr. Michael Elpers

Warum ist es so wichtig, zwischen Mobbing, Streit und Konflikt zu unterscheiden?

Mobbing ist eine Gewaltform und muss unterbunden werden. Ein Streit jedoch sollte nicht unterdrückt werden. Diesen können die Betroffenen oft selbst lösen. Wir können und sollten nicht jeden Konflikt zwischen Kindern verhindern. Wo sollen die Kinder sonst lernen, wie man Konflikte bewältigt? Wie man sich versöhnt? Wie man einen Kompromiss macht? Es gibt Familien, wo es heisst: «Wir streiten nicht», das finde ich problematisch und spricht Kindern auch Gefühle wie Wut und Frust ab.

Ist Diskriminierung auch Mobbing?

Diskriminierung wird als Ungleichbehandlung auf Basis von konstruierten Kategorien und Zuschreibungen wie der Hautfarbe, der ethnischen Herkunft, der Religion, des Geschlechts und der sexuellen Orientierung, aber auch aufgrund von Behinderungen oder des sozialen Status definiert. Die möglichen Auswirkungen von Diskriminierung sind sehr ähnlich wie von Mobbing und werden ebenfalls oft als «normal» hingenommen. Eine Diskriminierung kann im Gegensatz zu Mobbing auch einmalig stattfinden, dennoch sind die Grenzen fliessend.

Cybermobbing und Mobbing auf dem Schulhof treten oft gemeinsam auf.

Dr. Michael Elpers

In der Schule kommt Mobbing oft vor – Studien zeigen, dass jedes 10. Kind in der Schweiz von Mobbing betroffen ist. Was können Eltern tun, wenn Sie feststellen, dass ihr Kind gemobbt wird?

Erst einmal ist es sehr wichtig, ruhig mit dem Kind zu sprechen und dann zum Beispiel ein Mobbing-Tagebuch zu führen. Wenn das Mobbing im Internet passiert, ist es sehr wichtig, Screenshots von den Nachrichten und Fotos zu machen. Das ist deshalb wichtig, da Mobbing im Internet durchaus auch strafbar sein kann. Daher sind die Screenshots wichtige Beweismittel. Und sie helfen, konkret mit den Tätern und Täterinnen zu sprechen.

Wichtig ist es auch zu wissen, dass Cybermobbing und Mobbing auf dem Schulhof oft gemeinsam auftreten. Dann ist es hilfreich, mit einer Lehrperson, der Ihr Kind vertraut, die Situation und das weitere Vorgehen zu besprechen. Sprechen Sie auch mit Ihrem Kind über dieses Gespräch und alle Schritte, die die Schule einleiten wird.

Immer wieder hört man von Schulen, die Mobbing abstreiten. Was können Eltern in diesem Fall tun?

Ich empfehle dann, den schulpsychologischen Dienst oder die Schulaufsicht (Anmerkung der Redaktion: in der Schweiz Schulleitung und Schulpflege) einzuschalten.

Oftmals entsteht das Bedürfnis, die Schule zu wechseln. Ist das eine gute Lösung?

Ich sehe einen Schulwechsel als absolute letzte Strategie, die erst in Betracht gezogen werden sollte, wenn alle Gespräche und Massnahmen nicht fruchten. Für das gemobbte Kind ist ein Schulwechsel oft eine weitere Niederlage. Es muss aus seiner Schule und gewohnten Umgebung raus, je nachdem macht es in der nächsten Schule ähnliche Erfahrungen, wenn das Kind zum Beispiel aufgrund seiner Religionszugehörigkeit, Hautfarbe oder Behinderung gemobbt wird. Oft auch bei Kindern mit einer Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Das zementiert die Annahme des Kindes, es sei schuld und es liege in seiner Hand, etwas an der Situation zu verbessern, und wirkt sich unter Umständen schlecht auf seinen Selbstwert aus.

Jedes Kind kann Opfer von Mobbing werden. Umso wichtiger ist die Widerstandskraft, die sogenannte Resilienz.

Dr. Michael Elpers

Wie können wir Mobbing verhindern?

Schulen sollten konsequent Präventionsprogramme durchsetzen; das wird noch viel zu wenig gemacht. Dann ist relevant hinzuschauen, zu erkennen und zu reflektieren. Grundsätzlich kann jedes Kind Opfer von Mobbing werden. Es gibt kein spezifisches «Mobbingprofil». Umso wichtiger ist die Widerstandskraft, die bereits genannte Resilienz. Vermitteln Sie Ihrem Kind daher ein positives Selbstwertgefühl und fördern Sie die Selbstwirksamkeit Ihres Kindes.

Ermutigen Sie Ihr Kind, Neues auszuprobieren und zeigen sie sich verlässlich. Wichtig ist eine positive Fehlerkultur, sei es zu Hause oder an der Schule, und dass Kinder lernen, Hilfe von anderen anzunehmen. Unsere Kinder stark zu machen, ist der beste Schutz gegen Mobbing. Das gelingt am besten, wenn wir selber in Streitsituationen Regeln beachten und dadurch für unsere Kinder eine Vorbildfunktion übernehmen.

Autorin
Marah Rikli, Autorin - www.anyworkingmom.com

Marah Rikli ist freie Autorin, Buch­händlerin und Mutter zweier Kinder. Sie veröffentlicht Beiträge in verschiedenen Publikation wie «Magazin», «Tages Anzeiger», «Republik», «Sonntags­Zeitung», «Wir Eltern», «Aargauer Zeitung». Ihre Schwerpunkte: Inklusion, Mental Health, LGBTQIA+, Feminismus und Erziehung. Sie ist für diese Themen auch als Referentin oder Moderatorin von Talks und Panels unterwegs. www.marahrikli.ch

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