Me, Myself and I – warum das vorerst genügt


Andrea fragt mich, ob ich einen Text für Any Working Mom schreibe.

Logisch mache ich das.

Andrea sagt, es gehe um Kinder und so. Mama sein und so.

Ohjemine.

Wenn ich in der Vergangenheit eins gelernt habe, dann, dass es kein extremeres Trigger-Thema gibt als Kinder. Ich habe schon ganze Texte über komplett andere Themen geschrieben – wenn da nur ein Satz über Kinder drin steht, drehen sich die Diskussionen in den Kommentarspalten garantiert um diesen einen Satz.

Als Kinderlose darf man nicht über Kinder schreiben.

Also man darf schon, man wird’s einfach bereuen. Ich hab’s mehrfach versucht. Auch wenn ich versuchte, sehr differenziert zu sein, rüberzubringen, dass ich Kinder wahnsinnig gern habe – keine Chance. Am Ende gabs immer Streit.

Und deshalb, liebe Any-Working-Mom-LeserInnen, tue ich das auch heute nicht. Denn: Ich mag keinen Streit. Auch (oder gerade) für Klicks nicht. Und die will ich ja für die liebe Andrea generieren, denn ich halte sie für einen tollen Menschen.

Ich bin also keine Expertin im Kinder-Haben. Ich bin jedoch Expertin in meiner eigenen Geschichte. Und die ist (bisher) diejenige einer Frau ohne Kinder.

Ich möchte mich hier also darauf beschränken, zu erzählen, wie es ist, wenn man als 35-Jährige keine Kinder hat. Meine Geschichte, meine Perspektive, kein Angriff auf diejenigen, die es anders handhaben.

Ganz ehrlich: Manchmal bin ich froh darüber, dass ich (noch) keine Kinder habe.

Ich kann mich voll und ganz auf meine Karriere konzentrieren. Und ich liebe meine Karriere. Ich mag es auch, dass ich finanziell sehr gut dastehe im Moment. Ich kann reisen, was mir sehr wichtig ist. Ich kann mir da und dort Luxus gönnen. Ich bin komplett flexibel, kann im Ausgeh-Viertel wohnen, weggehen, das Leben geniessen…

Und das ist gut so.

Aber dann ist da auch diese leise Melancholie. Ché Guevara schrieb, als er das erste Mal in Machu Picchu war: «¿Cómo es posible sentir nostalgia de un mundo que nunca conocí?»

Wie kann ich Nostalgie für eine Welt empfinden, die ich gar nie kennengelernt habe?

Eine solche Melancholie, eine solche Nostalgie überkommt mich manchmal. Für ein Leben, das ich nie gelebt habe. Eine Art Wehmut über verpasste Chancen. Ich werde nie eine junge Mutter sein. Nie eine Frau, die ihre Jugendliebe geheiratet hat.

Das tut manchmal weh. So, wie es manchmal auch weh tut, wenn ich meine Freunde in ihrer Elternliebe aufgehen sehe. Die Freude für sie überwiegt. Bei weitem. Und doch weiss ich, dass ich diese Liebe auch in mir trage und dass ich sie gerne weitergeben würde. Irgendwann.

Und dann, wenn solche Momente da sind, dann bin ich von Herzen traurig, aufrichtig traurig, dann stehe ich auf, richte mein Krönchen, schaue ich in den Spiegel und weiss, dass mich meine bisherige Kinderlosigkeit eins gelehrt hat: Ich reiche aus. Für mich. Auch wenn ich es mir manchmal anders wünschen würde: Ich kann mit mir allein auskommen. Und ich weiss, dass das nicht selbstverständlich ist. Das kann nicht Jede/r.

Ich bin dankbar, dass ich mir genüge.

Nebst der Melancholie über verpasste Chancen ist da nämlich auch Euphorie über gepackte. Über meine Ausbildung. Darüber, dass ich mich eben gerade nicht niedergelassen habe. Darüber, dass ich immer wieder aus meiner Komfortzone ausgebrochen bin. Darüber, dass ich Zeit hatte, mich kennenzulernen, rauszufinden, wer ich bin. Dass ich die Welt gesehen habe. Dass ich jeden Tag im Beruf das mache, was ich am besten kann und am meisten will.

Darüber, dass ich nichts erzwungen habe.

Ich habe stets auf Beziehungen verzichtet, nur um eine Beziehung zu haben, auch wenn ich mich nach Liebe und Nähe sehnte. Und ich habe auf Kinder verzichtet, nur um Kinder zu haben, auch wenn ich mich danach sehnte, meine Liebe und Nähe weiterzugeben. Wenn ich eine Beziehung will, dann eine, die passt. Kein Mittel zum Zweck. Und die soll dann Grundlage für ein gemeinsames Kind sein. Mein Kind soll seinetwegen da sein, nicht (nur) meinetwegen.

Vielleicht ist also meine bisherige Kinderlosigkeit in Tat und Wahrheit ein Akt der Mutterliebe – für Kinder, die ich (noch) nicht habe.

Diesen Gedanken finde ich versöhnlich. Diesen Gedanken finde ich schön.

 

Muttergefühle als Kinderlose - Yonni Meier bei www.anyworkingmom.com

Yonni Moreno Meyer alias Pony M. ist Stand-Up-Comedienne, Buchautorin und hat eine Ausbildung als Psychologin. Seit 2013 veröffentlicht sie als Pony M. auf Facebook satirische und gesellschaftskritische Texte, inzwischen schreibt sie auch regelmässig Kolumnen für Watson. Sie gehört heute zu den meistgelesenen Online-Autorinnen der Schweiz. Zwei Jahre nach Erscheinen dieses Beitrags kam Yonnis Sohn zur Welt (*2019).

Ebenfalls von und mit Yonni bei Any Working Mom:

Selbstliebe meint nicht, dass ich mich immer perfekt finden muss! (Podcast)

Mal ehrlich: Hose Abe mit Pony M. (Video)

Because you asked: Tipps für Schwangere von Pony M.

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13 Kommentare zu “Me, Myself and I – warum das vorerst genügt

  • Ich finde deinen Text so ehrlich und berührend. Nicht viele kinderlose Frauen sprechen so ehrlich darüber und und Frauen mit Kinder tut es gut zu wissen wie es noch kinderlosen Frauen geht. Deine Einstellung ist grossartig!

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    • Nicht alle kinderlosen Frauen sprechen so ehrlich darüber weil nicht alle genauso denken. Es gibt nicht nur die eine Motivation, keine Kinder zu haben. Manche Frauen wollen einfach so keine Kinder.

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  • Wie kommt ein Mann dazu, hier auf unseren Blogg zu schreiben, werden sich die Autorin und die Leserinnen voraussichtlich fragen. Per Zufall bin ich via den Link einer FB-Freundin auf den Artikel gestoßen mit spannenden und in eine tolle Sprache gegossen Gedanken – Chapeau. Vielleicht mach ich jetzt einen Fehler und werde gleich den Zorn aller alleinerziehenden, arbeitenden Mütter auf mich ziehen. Deshalb vorweg: Erstens habe größten Respekt vor Müttern, die ihre Kinder getrennt vom Vater des Kindes aufziehen. Zweitens maße ich mir kein Urteil an über das hier Geschriebene.

    Ich melde mich hier deshalb, weil ich es schade finde, dass kein Dialog, kein Austausch mit dem anderen Geschlecht stattfindet – schrecklicher Ausdruck. Mir ist beim Lesen vieles durch den Kopf gegangen, das in engerem und weniger engen Zusammenhang mit dem Text steht.

    1. Gedanken zur reziproken Situation des nicht Erfahrenen: der Vater, der sich vom Kind verabschieden muss, weil die Beziehung nicht funktioniert. In meinem Fall war es die 2. Ehe, die nicht mehr funktionierte und dazu führte, dass meine damalige Frau mit unserem 4-jährigen Kind in ihre Heimatstadt zurückzog (900 km weit weg) – das schrecklichste Erlebnis in meinem Leben und ich denke im Leben vieler Väter, die dies durchmachen müssen. Es ist die Nostalgie für eine Welt, die ich kennengelernt habe und die letztlich ohne mich weitergeht, zumindest im Alltag. Dabei hatte ich eigentlich schon Erfahrung. Nach 25 Ehejahren mit zwei Kindern hatte ich die Familie verlassen. An einem Sonntagnachmittag hatte ich mich von meiner Frau und insbesondere von meinen Kindern verabschiedet. Bis zum zweiten Mal war dieses erste Mal das schrecklichste Erlebnis in meinem Leben. Hier half die im Respekt vor der gemeinsamen Vergangenheit liebevollen Kommunikation ohne Hass und Vorwürfe und der regelmäßige Kontakt zu den Kindern, der nicht durch gerichtlichen Beschluss strukturiert wurde.

    2. Gedanken zum “Ich-genüge-mir“. Nach der 1. Ehe und einer darauffolgenden Partnerschaft hatte ich auch eine Fernbeziehung mit einer Frau, die keine Kinder hat. Sie lebte lange alleine und genügte sich selbst. Die Beziehung war wunderbar und doch musste ich sie nach zwei Jahren abbrechen. Damals schwor ich mir, nie wieder eine Beziehung mit einer Frau anzufangen, die keine Kinder hat. Natürlich habe ich diese Abmachung mit mir später über Bord geworfen … und es bereut.

    Was will er mir damit sagen, wirst du dich fragen. Doch ein Urteil, doch ein Vorwurf? Keineswegs. Auch ich bin nur Experte meiner eigenen Geschichte. Aber was ich erfahren habe, hat der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk so formuliert: “Nach meiner Definition gibt es ohnehin keine Individuen, es gibt lediglich Dividuen, das heißt Teile von Paaren beziehungsweise von Haushalten.”

    Hier schließt sich der Gedankenkreis: Ich bin ein Dividuum, ein entrissener Teil des Paares, hier gemeint meine Tochter. Nach dem Auszug folgten drei Monate (reaktive) Depression und zwei Jahre Versuche der Erholung. Es ist nicht zu verdauen, ich habe einfach Verdrängungsstrategien erlernt. Wer weiß, vielleicht genüge ich mir am Ende auch selbst.

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    • Lieber Christian, danke für Deinen Kommentar. Du bist nicht der erste, und hoffentlich auch nicht der letzte Mann, der hier kommentiert. Trotzdem, so scheint es, hast Du den Text womöglich etwas missverstanden? Die Autorin ist nicht alleinerziehend, sondern hat (noch) keine Kinder. Im Text geht es um die Auseinandersetzung mit der Mutterschaft, die irgendwann kommen wird – oder nicht.

      Trotzdem danke für das Teilen Deiner Geschichte.

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      • Liebe Andrea, ich denk schon, dass ich den Text richtig gelesen habe. Vielleicht ist meine Denke und mein Text einfach etwas verstrickt. Die Reziprozität bezieht sich auf beides, Geschlecht und Kinder – also Yonni als Frau ohne Kinder – ich als Mann mit Kindern. Genau betrachtet noch mehr der Reziprozität: Yonni hat keine Jugendliebe geheiratet, ich habe meine Jugendliebe geheiratet. Yonnis Nostalgie blickt von der einen Seite auf die Leere (der nicht erfahrene Welt), meine Melancholie blickt von der anderen Seite auf das Vakuum (der erfahrenen und entrissenen Welt).

        Mit der Erfahrung des Blicks auf das Vakuum aus meiner Perspektive komme ich – und hier schliesst sich der Gedankenkreis – zum Schluss, dass ich mir selber nicht genüge. Ich bin eine Dividuum, wie es Sloterdijk mit dem phänomenologischen Skalpell explizit gemacht hat. Weiter gedacht, könnte es sein, dass die (vielleicht kreative) Unruhe des entrissen Seins ein Gegenüber hat in der (vielleicht kreativen) Unruhe der nicht erfahrenen, aber letztlich begehrten Welt (mit Kind). Beides sind Zustände des Ungleichgewichts, die, wenn sie nicht erfüllt werden können, nach Strategien der Verdrängung rufen. Für ein Dividuum aber bleibt dies letztlich unbefriedigend.

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  • Ein wirklich toller und grundehrlicher Text. Vielen Dank dafür! Ich finde du kannst sehr stolz auf dich sein, solch eine Einstellung zu haben.
    Ich bin momentan auch an diesem Punkt und lerne jeden Tag wieder etwas über mich und mein Leben:-)

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  • Sehr schöner Text 🙂 , nicht zu vergessen das irgendwann irgendwann zu spät ist,
    Ja alle haben Kinder und sind stark eingeschränkt, in ihrer Freiheit!
    Sind Kinder es wehrt den Preis der Freiheit und vielfältig die dann weg zu bezahlen ?
    Keine Freiheiten mehr spontan gibt es nicht,

    Die andere Seite , dem Kinde die Welt zeigen, all die schönen Länder Städte die i h schön erleben durfte , dieses zu teilen ,
    Ist das ohne mit weniger Geld mögl

    …….
    ja ich habe muttergefühle , ohne Mutter zusein

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    • “Keine Freiheiten und spontanität gibt es nicht” finde ich sehr hart. Ich habe zwei Kinder unter 4 und habe immer nocj Freiheiten. Weniger wie vorher und ich muss mir die Freiheiten vielleicht mehr organisieren ( also ja, da weniger Spontanität). Aber auch Spontanität ist immer noch möglich, man darf einfach selnst nicht zu “verstrickt” in feste Abläufe sein. Wir waren vor kurzem an einem geplanten tagesausflug und sind dann spontan übers Wochenende geblieben. Dann haben wir halt statt Schokolade und Wein auch noch eine Packung windeln gekuft und gut ist. Kinder sind oft spontaner wie ihre Eltern und das gibt auch Freiheit zurück 🙂

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  • Danke für den Beitrag! Ich bin Mutter von zwei Kindern und fand es sehr interessant, die Sicht der Dinge einer (noch) kinderlosen Frau zu lesen. Ich finde, du hast deine Gefühle sehr gut beschrieben. Eine gewisse Nostalgie verspüre ich manchmal auch – eben wenn ich sehe, wie Frauen in meinem Alter leben, die keine Kinder haben. Manchmal frage ich mich auch, wo ich ohne die Kinder wäre… Freiheit und Spontaneität sind tatsächlich nicht mehr so gross wie einmal und das macht mich manchmal traurig. Aber wenn eine Mutter so etwas sagt – dann Gnade ihr Gott…

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