Ausweg aus der Beziehungskrise: Liebesbriefe schreiben

Es war einmal ein Paar, das war irrsinnig verliebt. Es hatte tollen Sex, führte intensive Gespräche über Politik, Kultur und Lebenseinstellungen. Es reiste und feierte viel.

Es war einmal ein Paar, das wünschte sich eine Familie. Und der Wunsch ging in Erfüllung.

Ihr wisst, was jetzt passiert…

Es gibt da ein Elternpaar, das ist irrsinnig müde. Es hat fast keinen Sex, führt heftige Gespräche über Hausarbeit, Einkaufslisten und Abfallsäcke. Es streitet und motzt viel.

Es gibt da ein Elternpaar, das wünscht sich eine Lösung. Und der Wunsch geht in Erfüllung.

Wie man eine Beziehungskrise übersteht? Zum Beispiel so.

Simona und Manuel sind Eltern von zwei Kindern im Alter von 6 und 3 Jahren. Seit der Schlaf immer weniger wurde und das Chaos daheim immer grösser, fühlen sie sich immer seltener als Liebespaar. Sie sind ein einigermassen funktionierendes Team. Und beide gefrustet und am Anschlag.

Wer kennt es nicht?

Irgendwann spüren beide: So kann es nicht mehr lange weitergehen. Sie haben Angst, dass ihre Liebe langsam verschwindet, von Diskussionen über offene Zahnpastatuben und vergessene Ersatzsocken abgemurkst wird.

Wie in 99,9999% der Fälle, schlägt die Frau eine Paartherapie vor. Und wie in 99,9999 Prozent der Fälle, ist der Mann nicht begeistert, geht dann aber doch mit. “Die insgesamt vier Therapie-Sitzungen taten uns gut. Aber es war mühsam, passende Termine und für die Kinder eine Betreuung zu finden. Und für uns war es auch ein Kostenfaktor“, sagt Simona.

Wie weiter?

Ein paar Wochen nach dem letzten Therapie-Termin sitzen Simona und Manuel daheim am Küchentisch und zoffen sich mal wieder wegen irgendwelcher Kleinigkeiten, die sich zu einem riesigen Frustberg aufgestaut haben. Da kommt im Radio ein Liebeslied.

Manuel sagt: “Ich hab dir diesen Songtext doch mal geschickt und einen kleinen Liebesbrief dazu geschrieben.” Die beiden sehen sich an. Simona erinnert sich: “Wir waren beide traurig, weil wir uns nach diesen Zeiten zurücksehnten. Und dachten: Wir kommen nie wieder zu dem zurück.”

Was passiert? Erst einmal nichts.

Der Alltag nimmt wieder überhand.

Aber einige Wochen später kommt die Überraschung. Simona leert im Büro ihr Postfach und findet einen roten Briefumschlag. Darin: ein Brief von Manuel. Ein Liebesbrief.

Liebesbriefe schreiben und Beziehungskrise reduzieren www.anyworkingmom.com
Tut beiden gut: Sich Zeit nehmen und die Gefühle fürs Gegenüber aufschreiben. (Bild: Pixabay)

Manuel schreibt, was er an Simona liebt, und dass er manchmal traurig ist, wie leicht das im Alltag vergessen geht. Dass er dort nur ihre wenigen nervigen Seiten sieht und Mühe hat, sich auf die vielen vielen positiven Eigenschaften zu fokussieren. Dass ihn die Beziehungskrise stresst, dass er sich machtlos fühlt. Drum will er nun ab und zu einen Brief schreiben.

Um ihr zu sagen, wie viel sie ihm bedeutet. Und um das auch sich selbst immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Was Simona macht? Das Mittagessen mit der Kollegin absagen. Sich allein auf eine Parkbank verziehen und einen Brief schreiben. “Das tönt so einfach: einen Liebesbrief an den Mann, den ich seit 12 Jahren kenne. Aber es war anfangs anstrengend und ungewohnt.”

Man muss lernen, wieder liebe Worte füreinander zu finden.

Mittlerweile schreiben sich Simona und Manuel seit einem knappen Jahr. Sie schicken sich die Briefe immer ins Büro, weil man dort eher in Ruhe was lesen kann. Und Simona sagt auch: “Weil mir manchmal die Tränen kommen beim Lesen. Im Büro kann ich mich auf dem WC einschliessen. Daheim würden die Kinder spüren, dass etwas los ist und mich mit Fragen überhäufen.”

Manchmal kommt ein Brief pro Woche, manchmal einer pro Monat, es gibt keine Regeln. Wer einen Brief schreibt, kann auch nicht sofort mit einer Antwort rechnen. “Das war anfangs so und führte dann wider zu Enttäuschungen und Zoff”, sagt Manuel.

“Ich war irritiert, wenn Simona lange nicht reagiert hat. Bis sie mir erklärte, dass sie sich wirklich Zeit nehmen und nicht einfach eine Antwort hinschludern möchte. Und da sie mehr daheim bei den Kindern ist als ich, hat sie weniger störungsfreie Momente.”

Beziehungskrise vorbei? Happy End?

Durchs Briefe schreiben haben Simona und Manuel eines erkannt: Die Liebe ist noch da. Auch wenn sie im Alltag weiterhin oft untergeht. Auch wenn die Beziehungskrise nicht komplett weg ist und immer mal wieder aufflammt.

“Ich hoffte am Anfang, dass sich unser Alltagsleben stärker verändert durch die Briefe, dass wir viel weniger streiten“, gibt Manuel zu. “Aber das war vielleicht eine Illusion. Weil der Familienalltag halt doch oft streng ist und wir ja weiterhin beide unsere Macken haben.”

Simona hatte dieselbe Hoffnung. Aber sie sagt: “Das Streiten empfinde ich nicht mehr als so schlimm, seit ich mir Manuels Liebe wieder hundertprozentig sicher bin. Unsere Streits gehen bei mir gefühlsmässig weniger tief. Weil wir eben auch liebe Worte füreinander haben.”

 

Autorin

Anja Knabenhans Porträt - www. anyworkingmom.comAnja Knabenhans ist die Chefredaktorin von Any Working Mom. Sie war viele Jahre als Journalistin bei der NZZ und macht heute ihr eigenes Ding mit der ding ding ding GmbH. Während sie beruflich ihre Freude am Tüpflischiss auslebt, zelebriert sie daheim gern das Chaos – als Mutter von zwei Kindern bleibt ihr auch nicht viel anderes übrig.

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4 Kommentare zu “Ausweg aus der Beziehungskrise: Liebesbriefe schreiben

  • Ein Hoch auf die Briefpost! Ich schreibe, seit ich schreiben kann, Briefe an Freunde, Freundinnen, alle meine Liebsten. Ich finde, wir sollten alle wieder mehr Briefe schreiben, ob an Partner/in, Ehemann/frau oder einfach an die Freunde….. Es ist doch viel schöner und aufregender, handgeschriebene Briefpost zu erhalten als irgendeine Mail oder Whatsapp…..

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  • Danke für Ihren Artikel zum Thema Beziehungskrise. Meine Tochter überlegte vor Kurzem, mit ihrem Partner zur Paartherapie zu gehen und fragte mich, ob es Ideen gibt, die Liebe wieder herzustellen. Ich werde ihr weiterleiten, dass Liebesbriefe das Problem lösen können.

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  • “Wie in 99,9999% der Fälle, schlägt die Frau eine Paartherapie vor. Und wie in 99,9999 Prozent der Fälle, ist der Mann nicht begeistert, geht dann aber doch mit.”

    Bei uns war es umgekehrt und nach Aussage unserer Paartherapeutin entsprachen wir damit der Mehrheit ihrer Fälle. Vielleicht sind doch nicht immer nur die Männer an allem schuld?!

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    • Es ist nie irgendwer schuld. Wir sind generell gegen Schuldzuweisungen, damit kommt unsere Gesellschaft nicht weiter, sondern zermürbt sich nur. Und der Wind dreht sich zum Glück: Therapien gelten generell nicht mehr als letzter Notfallplan oder als etwas, worüber man nicht spricht. Das freut uns sehr!

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