Mit Kindergeschichten können wir die Welt verändern!

Es gibt zigtausend Kindergeschichten – Bücher, Hörspiele, Filme. Welche sind wertvoll? Ein Leitfaden.

Manchmal fühle ich mich machtlos. Will etwas bewegen in dieser Welt, aber weiss nicht, wo anfangen. Weiss nur, dass mein Zeitbudget knapp ist und meine Energiereserve im Dauertief. Wenn ich mich im Grossen verliere, hilft der Fokus aufs Kleine. Wo kann ich konkret etwas tun gegen Intoleranz, Sexismus, Rassismus, Ableismus? Wo Nächstenliebe, Weltoffenheit, Empathie, Klimaschutz fördern? Bei meinen Kindern.

Ich kann ihnen Werte vorleben, das hilft erwiesenermassen am meisten. Zusätzlich kann ich ihnen andere Welten, Wege und Verhaltensweisen zeigen und diese dann gemeinsam besprechen. Ganz ungezwungen und altersgerecht, dank Kindergeschichten.

Kinder lieben Geschichten. Und brauchen Geschichten.

Warum? Weil das menschliche Gehirn auf Geschichten anders reagiert als auf Fakten. Geschichten aktivieren zahlreiche Teile des Gehirns, sie entfachen ein kleines Feuerwerk – und das löst Emotionen aus. Wer eintaucht in eine Geschichte, verbindet diese Erfahrung in den meisten Fällen mit Genuss. Kein Wunder, dass dann auch der Lerneffekt viel höher ist.

Eigentlich weiss ich das. Und sage am Esstisch trotzdem zum siebenhunderttausendsten Mal «nöd gaagele», obwohl ich ahne, dass sich das niemals im Kindergehirn verankert. Wohingegen ein Kinderbuch über die Funktionsweise der menschlichen Verdauung subito und mühelos auswendig gelernt wird… (Buchtipp: Die Kackwurstfabrik)

Geschichten lehren unsere Kinder viel.

Auch wenn die Storys nicht von Ausscheidungen handeln, zum Glück. Und auch wenn es vordergründig überhaupt nicht um Wissensvermittlung geht bei einem Buch, Hörspiel oder Film. Kinder lernen immer was, zum Beispiel: Perspektivenwechsel vollziehen, eine eigene Meinung entwickeln oder Emotionen einordnen.

Seit vielen Jahren befasse ich mich beruflich damit, was eine gute Kindergeschichte ausmacht; erst im Studium und als Kinderbuch-Rezensentin der NZZ, später als Autorin. Dank den gemeinsamen Kasperli-Hörspielen haben Andrea und ich uns überhaupt erst kennengelernt. (Danke, Universum!) Ich habe Hunderte von Geschichten gelesen, gesehen, gehört – und für euch Tipps zusammengestellt.

3 Kriterien, die eine Kindergeschichte heute erfüllen sollte

#1 Geschlechter-Stereotype auflösen

Wenn wir Kindergeschichten erzählen, rutschen wir oft unbewusst in alte Muster zurück. Weil wir uns gedanklich an den Erzählmustern unserer Kindheit orientieren, und unsere Eltern orientierten sich beim Erzählen an den Geschichten ihrer Kindheit und so weiter. So kommt es, dass wir manchmal Stereotype zelebrieren, die wir im Alltag längst ablehnen.

Ein Beispiel aus einer wissenschaftlichen Untersuchung: Eltern erzählten ein Bilderbuch, wo eine Person in Feuerwehruniform abgebildet war. In rund 90 Prozent der Fälle wurde die Figur als Feuerwehrmann bezeichnet – obwohl das Geschlecht optisch nicht erkennbar war. An diesem Experiment nahmen nur Eltern teil, die im Alltag nach modernen Rollenbildern lebten, und viele waren danach erschrocken über ihre Aussage.

Es dauert, bis wir von früheren Normen wegkommen, sie sind im Gehirn wie eingebrannt. Und genau wie schlechte Gewohnheiten lassen sich auch Genderstereotypen nicht einfach tilgen, sie werden erst durch stetige Wiederholung überschrieben.

Drum eignen sich Kindergeschichten, in denen Geschlechterrollen nicht starr sind. In denen zum Beispiel…

… alle Kinder mutig, ängstlich, wild, brav, schlau oder fies sein können, egal welches Geschlecht sie haben.

… Personen verschiedener Geschlechter lange oder kurze Haare tragen, und Kleider in allen möglichen Farben.

… Mütter und Väter berufstätig oder im Haushalt engagiert sind.

… alle Erwachsenen trösten, kochen, flicken, weinen, fluchen können.

… gleichgeschlechtliche Liebe vorkommt.

… Vertreter verschiedener Geschlechter die grossen Held:innen oder Schurk:innen sind.

Kinderbuch-Tipps:

Ottfried Preussler und Herbert Lentz: Die dumme Augustine

Ralf Butschkow: Ich habe eine Freundin, die ist Polizistin

Edith Schreiber-Wicke und Carola Holland: Zwei Papas für Tango

Paul Maar und Verena Ballhaus: In einem tiefen, dunklen Wald

Dagmar Geisler: Das bin ich – von Kopf bis Fuss (Das Buch kommt auch bei unseren Buchtipps über Sex, Aufklärung und Gleichberechtigung vor.)

Elena Favilli und Francesca Cavallo: Good Night Stories for Rebell Girls

#2 Vielfalt aufzeigen

Ich besitze sehr viele Kinderbücher. Kürzlich ging ich aufgrund der Black Lives Matter Bewegung alle Büchlein durch und guckte, welche davon verschiedene Hautfarben abbilden. Peinlich wenige. Auch Menschen mit Behinderungen kommen kaum vor.

Kinder suchen sehr früh nach Regeln und Mustern. Diese zu kennen und Leitplanken zu folgen, gibt ihnen Stabilität. Sie wollen verstehen, in welchem Kontext sie stehen. In der realen Welt sehen sie, dass wir Menschen uns in äusseren Merkmalen unterscheiden. Wichtig ist aber auch, dass sie keine Verknüpfung machen zwischen Aussehen und Hierarchisierung von Gruppen. «Diese Verknüpfung ist die Quintessenz von Rassismus», sagt die Wissenschaftlerin Josephine Apraku in einem Interview.

Also spielt es nicht nur eine Rolle, dass eine Kindergeschichte die Vielfalt in der Gesellschaft aufzeigt. Sondern auch, dass Stereotypen aufgelöst werden. Im besten Fall zeigt eine Geschichte sogar auf, wie wertvoll Diversität ist.

Für viele Kinder ist die mangelnde Vielfalt in Kinderbüchern auch deshalb problematisch, weil sie keine Vorbilder finden. Die grosse Mehrheit der Hauptfiguren in deutschsprachigen Kindergeschichten ist nämlich weiss. Aus diesem Grund hat die Schweizer Autorin Gabriela Kasperski Bücher mit der Hauptfigur Yeshi geschrieben: Um ihrer Tochter und anderen Kindern eine Identifikationsfigur zu bieten. Weil wir diese Geschichten inhaltlich und sprachlich toll finden, gibt’s die Yeshi-Bücher bei uns im Concept Store.

Kinderbuch-Tipps:

Gabriela Kasperski: Einfach Yeshi / Agentin Yeshi

Doro Göbel und Peter Knorr: Unser Zuhause

Felicity Brooks und Frankie Allen: Gefühle – So geht es mir!

Stephanie Schneider und Astrid Henn: Elefanten im Haus

Gina Ruck-Paquèt und Sonja Gagel: Das Vier-Farben-Land

Anja Tuckermann und Kristine Schulz: Alle da!

Cathryn Cave und Chris Riddell: Irgendwie Anders

Marc-Uwe Kling und Astrid Henn: Das Neinhorn

#3 Wissenshunger befriedigen

Fragen stellen – eine Kernaufgabe von Kindern. Pro Tag prasseln drölftausend Kinderfragen auf uns Eltern ein. Schnell das Handy zücken, die Antwort ergoogeln, und schon herrscht Ruhe? Funktioniert meistens nicht, dann kommen einfach neue Fragen. Und auch hier haben Neurologen Interessantes herausgefunden: Wenn Fragen allzu rasch beantwortet werden, ist das für unser Gehirn weniger befriedigend.

Im Grunde wollen Kinder ein bisschen hingehalten werden, werweissen, Spannung aushalten – und vor allem: Dinge selber rausfinden. Das befriedigt den Wissenshunger nachhaltiger und stärkt das Selbstvertrauen. Deshalb ist es oft hilfreicher, gemeinsam ein Buch, Hörspiel oder Filmchen zum Thema zu konsumieren und die Antwort dort zu suchen.

Yup, das kostet Zeit. Mach ich auch nicht bei jeder der drölftausend Fragen, bei einer reicht schon. Meine eigene Erfahrung zeigt, dass ich dann meistens eine längere Ruhepause kriege. Ein Beispiel:

Variante 1:

Kind: «Mami, wie heissen schon wieder diese Planeten im Sonnensystem?»

Ich: (Handy zücken, googeln): «Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun.»

Kind: «Ah. Okay. Kann ich auf deinem Handy ein Spiel spielen? Youtube gucken? Kann ich, kann ich, kann ich?»

Ich: «Nein.»

Kind: «Warum nicht??? Also gut, dann kannst du noch ein paar Sachen für mich nachschauen! Wie lange kann ein Nilpferd tauchen? Welches ist der höchste Vulkan der Welt? Wie lange geht es, bis ich wieder Geburtstag habe? Wie werden Smarties gemacht? …»

Ich: (meine Schläfen massieren)

Variante 2:

Kind: «Mami, wie heissen schon wieder diese Planeten im Sonnensystem?»

Ich: «Wir haben doch dieses Buch vom Weltall. Komm, wir gucken, ob das dort steht.»

(3 Minuten Buch anschauen)

Ich: «Siehst du, da ist das Sonnensystem abgebildet. Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun.»

Kind: (verträumt) «Oh, Saturn sieht cool aus. Und da hat’s ein Space Shuttle auf der nächsten Seite…»

Ich: (ab)

Gute Kindergeschichten schaffen es, komplexe Sachverhalte einfach verständlich darzulegen. So dass die Kinder danach nicht verunsichert sind, sondern eine positive Erfahrung gemacht haben. Wer beim Lernen Selbstvertrauen gewinnt, dem verleidet es nicht so rasch.

Kinderbuch-Tipps:

tiptoi® Bücher und Spiele

Bücher und Hörbücher der Reihe: Wieso? Weshalb? Warum?

Little People, Big Dreams (zum Beispiel über Frida Kahlo, Jane Goodall, Marie Curie, Rosa Parks usw.)

Kindergeschichte ohne Happy End? Hafechäs!

Was sollte eine Kindergeschichte sonst noch können? Sie muss gut enden. Es gibt Menschen, die wollen Kinder aufs Leben vorbereiten, indem sie Kindergeschichten ohne Happy End verbreiten. Das ist Hafechäs, diplomatisch gesagt. Kinder brauchen das Vertrauen, dass am Ende das Gute siegt. Daraus schöpfen sie Mut und Energie.

Was Geschichten nicht brauchen, sind Moralkeulen. Kinder haben ein derart feines Sensorium, dass sie bei sorgfältig aufgebauten Storys ganz leicht erkennen, welche Schlüsse man daraus ziehen sollte. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass sich Kinder gemäss Studien nicht an überdeutlicher Moral stören. Das sind eher die Erwachsenen, die das als bevormundend empfinden und eine Geschichte deswegen dann weniger erzählen oder abspielen.

Übrigens: Es ist nervig, eine Geschichte immer und immer wieder zu lesen, zu sehen oder zu hören. Aber für Kinder ist das äusserst wichtig: Die Wiederholung gibt ihnen Stabilität und Selbstvertrauen. Und so erzähle ich jetzt das Buch, das mein Vater mir schon unzählige Male erzählt hat, unzählige Male meinen Kindern… «Reise nach Tripiti» in der Endlosschlaufe. Apropos:

Was tun mit älteren Kindergeschichten?

Manche Eltern entsorgen Bücher oder Hörspiele ihrer Kindheit, weil diese nicht mehr zeitgemäss sind und zum Beispiel diskriminierenden Wortschatz enthalten. Ich persönlich finde vereinzelte solcher Beispiele nützlich, um den Kindern gesellschaftlichen Wandel zu erklären. Was nicht bedeutet, dass ich Erneuerungen ablehne. Dass Pippi Langstrumpfs Vater in neueren Auflagen ein Südseekönig ist: gute Lösung. Aber Rassismus verschwindet nicht einfach mit dem Weglassen von Worten, leider. Drum finde ich kindgerechte Erklärungen anhand konkreter Beispiele wichtig.

Und jetzt hätte ich sehr gerne Eure Tipps für Kindergeschichten, mit denen wir die Welt in Babysteps verändern können. Merci!

Autorin
Anja Knabenhans Porträt - www. anyworkingmom.com

Anja Knabenhans ist die Chefredaktorin von Any Working Mom. Sie war viele Jahre als Journalistin bei der NZZ und macht heute ihr eigenes Ding mit der ding ding ding GmbH. Während sie beruflich ihre Freude am Tüpflischiss auslebt, zelebriert sie daheim gern das Chaos – als Mutter von zwei Kindern bleibt ihr auch nicht viel anderes übrig.

Kafikasse_Any_Working_Mom

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?

#daschamebruche aus unserem Concept Store

zu den Kommentaren

DAMIT DU WEISST, WAS LÄUFT

Abonniere jetzt unsere persönlichen Newsletter und erhalte als Dankeschön unsere

Familien-Packliste für Skiferien!

Wir bewahren deine Daten sicher auf und teilen sie nur mit Drittanbietern, die diesen Service ermöglichen. Mehr Infos in unserer Datenschutzerklärung.

8

8 Kommentare zu “Mit Kindergeschichten können wir die Welt verändern!

  • Toller Text! Ich bin mich gerade sehr mit Kinderbüchern am beschäftigen. Unsere lieben ihre Gutenachtgeschichte, da brauch ich ab und an was neues.
    Danke für die Tipps!
    Kakwurst wird gleich für den Grossen auf die Wunschliste kommen, so kommen wir vieleicht von diesem Kakthema los und alle sind glücklich;-)

    Und apropos klischee… die Fieslinge haben oft rote Haare und Brille… ich finde das mässig cool, meine 3 haben rote Haare und 2 davon Brille…

    Liebi grüessli
    Christine

      Antworten
    • Liebe Christine, dann ist vielleicht das Buch, das ich am Montag bei MINT & MALVE vorstelle, was für euch! Der Junge hat auch rote Haare, ist aber super sympathisch! Liebe Grüsse, Eliane

        Antworten
  • Julian ist eine Meerjungfrau – ein wunderbares Buch! Das hat eigentlich ganz wenig Text aber es überzeugt und ich mag die Bilder sehr.

      Antworten
  • Ich (und zum glück auch unsere kids) lieben die geschichten von kathrin schärer/lorenz pauli. “Der Tod auf dem Apfelbaum” finde ich wunderbar und Rigo und Rosa ist auch zum erzählen toll – allerdings eher für ältere Kinder.

      Antworten
  • Danke für diesen Beitrag! Ich bin auch erschrocken, als ich meine alten Kinderbücher vorlesen wollte und merkte, wie oft veraltete Geschlechterrollen oder im weitesten Sinne „Fremdenfeindlichkeit“ darin vorkommen.. 😢 Muss man unbedingt thematisieren – oder gar nicht erst vorlesen..

    Ich fand als Kind das Buch „Meine Füsse sind der Rollstuhl“ von Annegret Ritter sehr spannend, ist auch schön illustriert. 🦽

    Was ich zudem früher geliebt habe und immer noch grossartig finde, sind die Lieder von Gerhard Schöne, einem DDR-Liedermacher – zwar kein Buch, aber doch (Musik-unterlegte🎶) Geschichten 😊 Zum Beispiel „Der Riese Glombatsch (aus Bibabombatsch)“, er wird aufgrund seiner ungeheuren Grösse gemieden, ist aber eigentlich sehr liebenswert und sensibel.

    Hier ist auch noch eine tolle Zusammenstellung verschiedener Kinderbücher (auch schon für ganz Kleine) zu Diversität und Toleranz, inkl. Homo- und Transsexualität, Gender, Hautfarben etc:
    https://mitvergnuegen.com/2020/diverse-kinderbuecher-vielfalt-toleranz/?fbclid=IwAR2kmYS-gOQoo2-jY08o5lhPJz6TTmmfdOBJODK9YD70njnQKvOhkO09ZTE

    Auf dass unsere Kleinen diese farbige Welt als solche kennen und schätzen lernen!❤️🌈

      Antworten
  • Habe da noch so einige Tipps! 😉 Sehr cool finde ich die Reihe “Kalle und Elsa”, ohne Geschlechterklischees, mit People of Color, mit viel Abenteuer und immer gutem Ende! Habe alle 3 auf http://www.mintundmalve.ch vorgestellt (hoffe, der Link ist okay). Unsere lieben auch die Comics von “Akissi” und “Hilda”, einmal Schwarze, einmal weisse Heldin. Liebe Grüsse, Eliane

      Antworten
    • Ich lade jeweils EPubs von der Bibliothek auf den E-Reader oder aufs Tablet, dann habe ich genügend Auswahl. Es gibt auch die Readney-App, wo man verschiedene Bücher lesen und anschauen kann. Oder die Lylli App – von der habe ich aber nur gehört und kenne sie nicht persönlich.

        Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Warenkorb

loader