Plötzlich Lehrerin: Eine Homeschooling Erfahrung von der Front

Während die Kinder vor Freude jubelten, als der Bundesrat am 13. März 2020 die Schliessung der Schulen bekannt gab, kämpfte ich bereits zum ersten Mal mit den Tränen. Ich ahnte bereits, was da auf uns zukommen könnte.

Mit Homeschooling hatten wir uns bereits vor zwei Jahren befasst. Wir entschieden uns aber dagegen, weil es die Einbindung der Grosseltern und eine Reduktion meines Arbeitspensums (aktuell 60 %) erfordert hätte. Bei meinem Mann wäre eine Reduktion des Pensums aus betrieblichen Gründen sowieso nicht möglich.

Und jetzt doch: Homeschooling dank Corona

Und jetzt? Jetzt ist es aufgrund der Corona-Pandemie doch so gekommen. Jetzt sollen wir die Kinder – eine Zweitklässlerin und einen Viertklässler – selber unterrichten. Das natürlich ohne Hilfe der Grosseltern und zusätzlich zu unserem vollen Arbeitspensum.

Für uns als Eltern war sofort klar, dass ich diese Mehrbelastung nicht allein stemmen kann. Emotional war ich schon beinahe im Tal der Tränen, als mir bewusst wurde, dass ich in den nächsten paar Wochen sicher keine Zeit für mich und meine Projekte haben würde. Mein Arbeitgeber erlaubte mir zwar, mein Arbeitspensum von drei ganzen Arbeitstagen, die ich bereits seit Anfangs März im Home Office leiste, auf fünf Halbtage zu verteilen – bei meinem Mann ist Home Office aber per se nicht möglich.

Immerhin, sein Arbeitgeber erlaubte ihm, zwei Halbtage zu Hause zu beiben für die Kinderbetreuung. Aber auch nur so lange, bis sein Arbeitskollege für zwei Wochen in den Vaterschaftsurlaub geht. Die restlichen drei Halbtage würden unsere Kinder bei den Nachbarn verbringen, deren Kinder wir im Gegenzug an meinen “freien” Halbtagen betreuen werden.

So weit, so organisiert.

Planung ist die halbe Miete. Wochenplan gratis zum Download von Kiludo. Bild: Linda Mader.

Die Euphorie und deren schnelles Ende

Während wir Eltern die erste Homeschooling-Woche minutiös planten, waren unsere Kinder unermüdlich am rechnen, schreiben, und zeichnen. Nur: Die Schule ist offensichtlich nur solange cool, bis man effektiv lernen MUSS. Die Euphorie für  Zahlen, Faser- und Buntstifte war auf jeden Fall pünktlich mit dem Erhalt der Aufgabenpläne am Dienstagabend erloschen.

So sass ich also an jenem Mittwochmorgen mit vier Kindern (meinen, und den Nachbarskindern) am Tisch. Natürlich gehen diese nicht in die selbe Klasse und auch die Aufgabenpläne unterscheiden sich, trotz gleicher Schulstufe, in Umfang und Inhalt extrem. Während bei der Tochter  in sämtlichen Fächern Pflichtaufgaben zu erfüllen sind, hat der Sohn nur in den Hauptfächern (Deutsch, Französisch und Mathematik) Aufgaben zwingend zu erfüllen. Zusätzlich darf er noch Origami falten und ein Video eines Orchesters hören.

Unterschiedliche Klassen, Lehrpersonen und Erwartungen. Bild: Linda Mader.

Leistung: ungenügend

Zurück in die Küche…äh, ins Schulzimmer: Kaum angefangen mit dem Unterricht, kommt es zu ersten Tumulten. Einer “meiner” Schüler rief die Fragen lautstark durch die Küche, ein anderer streckte die Hand in die Höhe (und ging damit im ganzen Trubel unter), der nächsten Schülerin war es zu laut, der anderen zu langweilig – und meine Leistung als Lehrerin laut Sohn: ungenügend.

Nicht begeistert von der mütterlichen Wissensvermittlung: Sohn. Bild: Linda Mader.

Zwei Kinder hatten ihre Aufträge innert kürzester Zeit erledigt, was die Anderen natürlich entsprechend unfair fanden. Meine Runden um den Küchentisch nahmen kein Ende und ich war froh, als die zuvor vereinbarte Lernzeit endlich abgelaufen war.  Schliesslich musste ich ja vor der Arbeit im Home Office noch das Zmittag kochen.

Was die Kinder da gelernt haben, weiss ich nicht so genau

Mein zweiter Tag als Lehrerin begann um 13.30 Uhr, nachdem ich bereits fünfeinhalb Stunden im Home Office der bezahlten Arbeit nachgegangen war. Idealste Voraussetzungen also für den Nachmittagsunterricht. Was die Kinder da gelernt haben? Weiss ich nicht so genau.

Mein Wissen hat sich jedoch um folgende Punkte erweitert: Für den Unterricht zu Hause reicht ein iPad oder ein Computer nicht! Sämtliche Kinder müssen nämlich die Aufgaben, die elektronische Geräte erfordern, immer GLEICHZEITIG erledigen.

Zudem konnte ich in Erfahrung bringen, dass die Digitalisierung in den Schulzimmern der Stadt Bern noch nicht ganz angekommen ist. Obwohl zwei Drittel des Schuljahres um sind, wurden die verfügbaren Plattformen der einzelnen Lehrmittel noch nicht benutzt. Deshalb steht neben sämtlichen digitalen Lernaufgaben in roter Schrift: “Anmeldung/Login/Einrichtung ist noch nicht erfolgt, benötigt Hilfe der Eltern”. Auf die anschliessende Lernstunde zum sicheren Umgang mit Passwörtern habe ich dann mangels Zeit – und vor allem Geduld – verzichtet.

Die Situation besserte sich nach dem Ende der ersten, kurzen Unterrichtswoche nicht. Meine Nerven lagen blank und ich verabschiedete mich mit Kopfschmerzen ins Home Office.

Wer jetzt an Friyay denkt : Häsch dänkt.

Digital machen wir dann später mal. (Oh, das reimt sich!) Bild: Linda Mader.

Homeschooling 24/7!

Der Blick ins Mathematikheft der Tochter, das bis zum Ende der Frühlingsferien bis Seite 41 bearbeitet sein sollte, zeigte die bittere Realität: 21 der 63 Seiten waren leer. Ich war also quasi für einen Drittel des Stoffes für’s ganze Jahr verantwortlich. Und das ist noch lange nicht alles.

Die unterrichtsfreien Wochenenden sind somit genauso gestrichen wie die Frühlingsferien – denn andernfalls ist der lange Aufgabenplan nicht mal annähernd zu erfüllen. Wie das bei der achtjährigen Tochter ankommt? Öppe so:

Es musste also eine Lösung her. Und wir fanden eine, Halleluja! Eine Studentin unterstützte uns ab sofort an zwei Vormittagen pro Woche mit der Betreuung und dem Vermitteln des Schulstoffs. Mit optimierten Plänen und neuer Motivation starteten wir also in die zweite Woche.

Nur, um bereits am Dienstag auf dem Boden der Tatsachen zu landen: Tränen, Frust und Streit waren zurück. Oder, um es mit den Worten meiner Tochter auszudrücken:

Schuäu isch immer scheisse, aber ohni mini Fründinne isch es no viu blöder!

Weindates und ein virtuelles Klassenzimmer

Der Stundenplan für die dritte Woche wurde mit Facetime-Sessions mit den Freundinnen und virtuellen Wein-Dates (nein, nicht nur das Getränk, aber auch) der Eltern ergänzt.

Weint auch mal in den Rotwein: die Autorin. Bild: Linda Mader.

Ausserdem schreitet auch die Digitalisierung in der Schule langsam voran, denn die Tochter trifft sich am Montag zum ersten Mal kurz mit ihren Gspänli im neu erstellten, virtuellen Klassenzimmer. Das ist dann aber auch das einzig digitale an der ganzen Übung.

Trotz optimierter Planung empfinde ich den Druck auch für die nächste Woche noch riesig. Einen kleinen Silberstreifen am Horizont gab es aber am letzten Sonntagabend: Vielleicht nutzen wir die Homeschooling-Erfahrung, um mal wieder länger zu verreisen.

Wir brauchen nämlich alle eine Pause.

 

 

Linda Mader
Autorin Linda Mader (Bild: zvg).

Linda Mader lebt und arbeitet in der Stadt Bern. Mit dem Mann und den Kindern Jack (10) & Leilah (8) reist sie am allerliebsten um die Welt und berichtet darüber auf ihrem Blog Jack & Leilah.

 

 

 

 

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4 Kommentare zu “Plötzlich Lehrerin: Eine Homeschooling Erfahrung von der Front

  • Bei uns ist es auch so. Stoff für ein paar wenige Stunden pro Woche via E-Mail und bei den meisten Aufgaben muss Mama mitmachen!?! … und über die Qualität haben wir noch nicht geredet. Meine Tochter ist konstant unterfordert. Damit Homeschool und Homeoffice funktioniert, bräuchten wir wenigstens für 3-4h am Tag ein durchdachtes Programm, was die Kinder selbstständig erledigen können.
    Mein Fazit: Ich bin erledigt, mein Job hat gelitten, meine Tochter hat nichts gelernt und es ist kein Ende in Sicht :-((( .

      Antworten
    • Die automatische Mailantwort einer Kundin bringt es wohl auf den Punkt:

      ” Ich arbeite momentan von zu Hause (wie die meisten wohl) und führe nebenbei noch eine Schule, ein Restaurant, ein Putz- und Waschunternehmen, eine Musikschule, eine Bastelberatung, eine Brett- und Kartenspiel-Experten-Information und eine Seelsorge. Eventuell bin ich also nicht kurzfristig verfügbar. Über Telefon sollte es aber klappen.”

      Es geht derzeit allen gleich. Wir Mütter sind uns ja Doppelbelastungen und Multitasking gewohnt, aber irgendwann wird es einfach zu viel. Die Idee, dass man im Homeoffice gleichzeitig noch Kinder betreuen kann, ist einfach absurd.

        Antworten
  • Amen! Uns geht es genau so. Unsere Lehrer haben einen super Job gemacht den Plan auf die Schnelle zu erstellen, vergassen aber dass nur weil wir Eltern jetzt zu Hause sind, haben wir trotzdem nicht Ferien. Es fehlt an Interaktionen mit den Kindern. Obwohl die meisten Aufgaben auf digitale Plattformen gemacht werden müssen, streben sich unsere Lehrer gegen Video-Learning weil nicht alle Kinder die gleiche Infrastruktur haben (aber wenn die das eine machen können/müssen, sollte das andere auch nicht mehr weit sein). Uff, ja frustriert.

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  • Schade, dass die doppelbelastung immer noch mehrhritlich auf den frauen lasten. Corona zeigt uns wieder mal, dass die maenner nicht reduzieren koennen (wollen) und die frau stillschweigend die kinder und haus schmeissen. auf kosten ihrer eigener karriere natuerlich. Ist ja nicht so schlimm…frauenarbeit ist ja eh gratis oder selbstverwirklichung.

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