He!matland: Mommywars mit Wattebäuschchen

“Achtung Mütter!” heisst die vierteilige Serie, die ab dem 16. November auf SRF im Format “He!matland” ausgestrahlt wird. Darin werden vier Mütter porträtiert, die jeweils ein anderes Familienmodell – oder das trifft’s wohl eher: Muttermodell – leben.

Sie heissen Ramona B. (die Vollzeitmutter), Claudia (die alleinerziehende Working Mom), Karin (die Teilzeiterwerbstätige) und Ramona Z.  (die Freilernermutter) und während sie gemeinsam durch Aufzeichnungen einen Blick in das Leben der anderen drei erhalten, diskutieren sie parallel dazu im SRF-Studio über’s Muttersein.

Muttersein als Beruf(ung)

Der zweite Satz im Offtext gefällt mir schon mal ganz gut: Ramona’s Alltag wird “als Beruf” bezeichnet- eine wichtige Botschaft: Betreuung ist Arbeit. Leider wird Ramona dann im dritten Satz gleich wieder als “Vollzeitmami” vorgestellt – vielleicht liegt’s an mir, aber bei der Verniedlichung stellen sich bei mir ganz schnell die Haare auf. Jööh, s’Mami. Guckt mal.

Während wir Zuschauer und die drei anderen Schubladenmütter Ramona beim Stillen, Kochen und Kinderchauffieren zusehen dürfen, äussern sich die drei anderen Mütter immer wieder alleine im Einzelinterview zum Gesehenen: “Das isch e Gluggere” und “sie will, dass sich alles um sie dreht” stellen sie fest.

In der grossen Runde, wo sich die Mütter in die Augen sehen, wird dann in Schweizer Manier mit Wattebäuschchen geworfen: “Du musst halt wissen, was für Dich stimmt” und “also, ich fand es jetzt halt es chlyses birebitzeli übertrieben, dass du deinem Kindergärtler das Glacé auspackst”.

Einzig die gebürtige Finnin in der Runde redet Klartext: “Dein Leben wäre mein Alptraum!” Da habe ich dann auch mal laut rausgelacht.

Träumt nicht von vier Kindern, dafür von einem anständigen Mutterschaftsurlaub: Claudia. Screenshot (c) SRF.

Schnitzerli im Rücken

Die Diskussion erinnert ein wenig an das, was im Netz täglich zu lesen ist: Mommywars, aber nie ein Frontenkrieg, sondern immer schön das Messer in den Rücken. Oder ein Schnitzerli, viel mehr. Natürlich wird auch immer wieder betont, dass man ja als Mutter bei allen Differenzen viel gemeinsam hat.

Was natürlich stimmt. Auch ich bin Claudia und kann ihren Wunsch nach Bestätigung und Unabhängigkeit nachvollziehen. Ich verstehe auch Freilerner-Ramona, weil ich mit äusseren Zwängen wenig anfangen kann. Ich bin die teilzeit arbeitende Karin, da gehöre ich wahrscheinlich am ehesten in die gleiche Schublade. Aber ich bin auch Ramona, die Vollzeitmutter, denn sind wir ehrlich: mit drei Kindern sieht mein Alltag an meinen Mamitagen (yup, wir sagen dem so. Steinigt mich) nur wenig anders aus als ihrer.

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Ramona mag grossformatige Bilder ihrer Kinder. Screenshot (c) SRF.

Achtung Mütter – wo sind denn bloss die Väter?!

Man kann sich also schnell identifizieren bei “Achtung Mütter”, und trotzdem bin ich irritiert: Wo sind die Väter? Und warum wird mit der Sendung so stark suggeriert, dass ein Familienmodell von der Mutter definiert und organisiert werden muss?

In der ersten Folge taucht er irgendwann auf, der Vater – den Namen habe ich vergessen, oder wurde er nicht genannt? – er kommt, pünktlich, zum Zmittag und setzt sich an den gedeckten Tisch. Dass er sonst nicht viel zum Familienmanagement beiträgt, bestätigt seine Frau dann auch selber: Nach der Geburt des 4. Kindes habe sie “ständig am Handy gehangen”, weil ja sonst zu Hause alles aus dem Ruder gelaufen wäre.

Die Runde lacht und nickt. Der namenlose Vater zu Hause wahrscheinlich nicht.

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Papi ist pünktlich. Screenshot (c) SRF.

Vier Frauen, die gegenseitig Kritik üben, übereinander urteilen und lästern – wozu?

Auch in der zweiten Folge, wo die alleinerziehende und 100%-erwerbstätige Claudia porträtiert wird, werden Augenbrauen gehoben, weil ihre Tochter bereits am Morgen fernsehen darf, es wird verwundert festgestellt, dass die “harte Businessfrau” ja auch eine weiche Seite hat und dann hintendurch trotzdem vermutet, dass ihre Bindung zum Kind sicher nicht intakt sei.

Hätte man nicht besser die vier Frauen abgefeiert und gezeigt, was sie jeden Tag leisten? Ansätze für eine gesellschaftliche Diskussion böte die Sendung nämlich durchaus, und die Themen werden dann auch gestreift: Vollzeitmutter Ramona wäre beispielsweise als Pflegefachfrau eine gesuchte Arbeitskraft (“Du wirst an beiden Orten gebraucht!”). Die Frauen sprechen über Abhängigkeiten von ihren Männern, über realistische Vorstellungen (Claudia: “Ich hatte auch die Liebe meines Lebens geheiratet”) und über den viel zu kurzen Mutterschaftsurlaub in der Schweiz.

Nur leider geht das alles irgendwie unter, weil man sich lieber drüber auslässt, bis zu welchem Arbeitspensum man noch als gute Mutter gilt. Einmal mehr.

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Punkte für Claudia: selbstgebackener Kuchen. Screenshot (c) SRF.

Fragen an die Macherin

Weil ich nicht gerne “hindedüre” schnöde und mein Schnitzerli lieber vorderhändig zücke, habe ich bei der SRF-Produzentin Karen Ballmer nachgefragt:

AWM: Was ist die Überlegung hinter der Serie? Was möchte man zeigen?

KB: Beim Label He!matland geht es jeweils um gesellschaftsrelevante, kontroverse Themen ohne Experteneinschätzung. Mutterschaft, Betreuungsformen – das sind Themen, die der Bevölkerung unter den Nägeln brennen – und da gibt es natürlich viel kontroverses Material. Und man gerät auch unter Beschuss: Jede Frau lebt mit ihrer Familie ein bisschen anders und es gibt keine “Experten”, die den Anspruch auf Richtigkeit haben.

Wir nehmen vier Mütter, die ganz unterschiedliche Modelle haben, und vielleicht können sie auch das eine oder andere voneinander übernehmen. Letztendlich sitzen aber alle im gleichen Boot.

Werden mit einer solchen Sendung nicht einfach Klischees zementiert und bereits bestehende Mommywars noch weiter angeheizt? Wem bringt das was?

Wir zeigen die Realität. Ich selber arbeite auch 100%, wohne auf dem Land und muss mich häufig rechtfertigen – es IST ein Thema. Viele Frauen denken in Klischees. Und: Man kann in 36 Minuten nicht alle Modelle streifen, die gelebt werden.

Trotzdem haben im Verlauf der Sendung einige der Mütter eine Wandlung durchgemacht, wie man dann in der letzten Folge sieht. Sie meinten: “Ich merke, ich habe solche Vorurteile, und weiss eigentlich gar nicht, was dahinter ist.” Es ist also schon etwas “passiert” mit den Frauen.

Aber dass Mütter über andere Mütter urteilen, ist eine Tatsache. Das ist nichts, was das Fernsehen künstlich erfunden hat, sondern das existiert. Es gibt so viele Meinungen zum Muttersein – deshalb diskutieren wir sie ja auch.

Aber anstatt mit dem Finger auf die vermeintlichen Fehler zu zeigen, hätte man ja die Frauen ja auch einfach richtig “feiern” können? Warum muss man über Fernsehen am Morgen sprechen, wenn das eigentliche Thema doch wäre, wie eine alleinerziehende Mutter den Alltag schafft?

Wir haben die Beispiele genommen, über die immer wieder geredet wird: Der Medienkonsum, ein Dauerthema – wie führe ich sie da ein? Einschlafhilfe, Ernährung, Stillen, Schulsystem. Darüber reden Mütter, tauschen sich aus – natürlich hört man immer wieder Expertenmeinungen, aber hier ist jede eine Expertin. Und mal ehrlich: Viele von uns denken in Vorurteilen und die will man auch äussern. Die Diskussion ist schon nur deshalb wichtig, damit Vorurteile überwunden werden können.

Wo sind die Väter? Ich habe sie sehr vermisst – sie scheinen zum Familienleben gar nichts beizutragen, obwohl sie doch 50% dazu beigesteuert haben?

Wir haben die Väter ganz bewusst ausgeklammert. Vielleicht gibt es nächstes Jahr eine Sendung, die ausschliesslich den Vätern gewidmet ist.

Dringende gesellschaftlichen Fragen sind aufgetaucht, wurden aber leider nicht vertieft: Mutterschaftsurlaub, Alleinerziehende, Abhängigkeiten, Rückkehr der Frauen in den Arbeitsalltag…

Bei einer tiefgreifenden Diskussion hätte man eine Fachperson zuziehen müssen – hier diskutieren aber ganz “normale” Mütter. Das Format eignet sich nicht, um eine gesellschaftspolitische Diskussion anzureissen. Du – als Bloggerin in diesem Themenfeld – bist vielleicht dermassen im Thema drin, dass für Dich diese Fragen allgegenwärtig sind – für diese Frauen sind sie es nicht.

Aber in einem gebe ich Dir recht: Dass sich Mütter ständig rechtfertigen müssen, ist kalter Kaffee. Aber leider Realität. Und indem wir Klischees aufzeigen, werden sie hoffentlich auch hinterfragt.

AWM: Liebe Karen, vielen Dank für Deine Antworten! Das Schnitzerli nehme ich wieder mit nach Hause. 

Heimatland SRF
(c) SRF

SRF Hei!matland – Achtung Mütter! startet am 16. November um 21.05 Uhr auf SRF 1. Mehr Informationen zur Sendung hier.

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5 Kommentare zu “He!matland: Mommywars mit Wattebäuschchen

  • Danke für den Einblick in eine Sendung, welche mir sonst wohl entgangen wäre. Gar nicht entgangen, sondern ganz im Gegenteil stark aufgefallen ist mir, dass ich doch nicht die einzige zu sein scheine, die versucht den “Mamitag” zu propagieren!
    “Mami, muesch du hüt go schaffe?” – “Ja, mir schaffed hüt zäme dihei, hüt isch nämli Mamitag. Morn isch Kita- und Horttag, und denn isch wieder Mamitag und denn Papitag und denn nomal Kita-Mittagstisch-Mamitag.” – “Yeah!” Auf was sich der Ausruf bezieht, haben wir noch nicht herausgefunden… Auf die komplexe Organisationsstruktur? Die abwechslungsreiche Betreuung? Die vielen tollen Wortkreationen? Wir werden in einigen Jahren bei unseren Kindern nachfragen können.

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  • Danke für diesen Blogeintrag! Ich habe zufällig in die Sendung reingesehen und mir dieselben Fragen gestellt. Warum so viele Faktoren ausser Acht gelassen wurden, wieso kein Mann am Pranger steht und vor allem wieso Vorurteile vor Respekt, Neugier und Toleranz kommen. Die Antworten von der Seite von SRF leuchten ein, ja im täglichen Leben werde ich ständig gefragt, wie hoch das Pensum sei und wer das Kind betreue, mein Mann hingegen so gut wie nie. Ich finde es ein Armutszeugnis, dass solche Diskussionen in der heutigen Zeit noch so brisant sind. Hoffentlich ändert sich das bald!

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  • Nachdem ich hier den Artikel las, wollte ich mir das auch ansehen. Deinen Ausdruck ‘mit Wattebällchen werfen’ finde ich übrigens hervorragend! Ich finde es generell traurig, wie sehr Frauen sich gegenseitig an den Pranger stellen können. “Waaaas… du gehst 70% arbeiten bei zwei Kindern? Kannst du denn das? Ich könnte mein Schatzi nie alleine lassen” und kurz darauf “Waaas… du stillst den Kleinen noch mit fast zwei Jahren… könnte ich nicht, ich brauche meine Unabhängigkeit, möchte auch mal ohne Kind weggehen können!”. Notabene von der gleichen Frau. Also was nun? Bin ich nun Rabenmutter oder Gluggere? Ich musste mir noch nie von einem Mann anhören, dass ich zu viel arbeite. Immer nur sind es andere Frauen, die etwas zu beanstanden haben und dies natürlich typisch schweizerisch mit sehr feinen Seitenhieben…

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  • Danke für deinen Post. Ich war per Zufall auf die Sendung gestossen und sehr bestürzt darüber mit wie vielen Vorurteilen und harten Urteilen die Frauen verbal aufeinander los gegangen sind. So wenig Neugierde und Offenheit gegenüber unterschiedlichen Lebensformen! Und so wenig Lösungsorientierung. Ich befürchte die Sendung zementiert eher existierende Meinungen als dass sie zum Perspektivenwechsel anregt… das Lustige: alle Kinder wirkten fröhlich und mit sich und ihrer Welt im Reinen, unabhängig vom “Modell” der Mutter.

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