Gibt es eigentlich noch Abenteuer?


Er hat’s getan. Ist mit zwanzig losgezogen, mit 200 Franken in der Tasche, und mit einem Frachter nach Asien gefahren. Damals, als man die Reise auf dem Containerschiff noch nicht per Klick buchen konnte, sondern an einem Hafen mit Matrosen anbandelte.

Er konnte fast kein Englisch, aber egal, das konnte damals in Laos auch noch keiner. Peter, er war einer der ersten, er hat sich getraut. Die Bibel der Abenteurer, den “Lonely Planet”, gab es erst vier Jahre später – er entdeckte seine Welt auf eigene Faust. Sah vieles nicht, weil er nicht davon erfuhr, sah anderes, weil er die Zeit dafür hatte.

Alle paar Monate eine Postkarte an die Eltern, wie es ihm dazwischen erging – sie konnten es nur ahnen.

Gibt es eigentlich noch Abenteuer?

Caipirinha in den Adern und Milch auf der Haut

Mit zwanzig zog auch ich los. Brasilien, mit dem Rucksack, dem “Rough Guide” und Durchfalltabletten im Gepäck. Wir hangelten uns von Backpackerhostel zum nächsten, tauschten die ewig gleichen Floskeln aus “where are you from?” und übertrumpften uns mit Monaten: “How long are you traveling for?”.

Auf zwei Rädern durch Vietnam
2004. Nicht Brasilien, dafür Vietnam. Nur ich und meine Maschine.

Die Jagd nach der billigsten Unterkunft, der besten Moqueca de Camarao, dem stärksten Caipirinha – der unterschwellige Wettkampf der Backpacker aus aller Welt, die alle so unglaublich individualistisch und abenteuerlustig sein wollten, um sich dann des Gemeinschaftsgefühl wegens in einem Hinterhof tätowieren zu lassen.

Auf meinem linken Knöchel prangt heute noch ein chinesisches Schriftzeichen, frei übersetzt: “Ich trinke gerne Milch”. Aber das wusste ich selbstverständlich erst Jahre später.

Generation “Lonely Planet”

Die einsamen Orte, sie waren schon damals selten. Ein Schlüsselerlebnis: Ein Trek durch einen dichten Wald, an seinem Ende der damals für mich schönste Strand der Welt: Prainha, Itacaré – ich traue mich nicht, ihn heute zu googeln.

Versteckte Buchten, Unterkünfte abseits der Wege, sie waren das Gold und der Stolz der Lonely-Planet-Jünger. In Internetcafés schrieben wir kurze E-Mails nach Hause, brannten wir unsere Fotos auf CD Roms, die wir dann mit einem Stossgebet auf den Weg nach Hause schickten. Wir sind die letzte Generation, die so gereist ist.

Und heute?

Beinahe zwanzig Jahre später, ich reise noch immer. Langsamer, sicherer. Mit Familie steigt man nicht mehr in Busse, die mit 60 km/h in Nadelöhrkurven rasen.

Mit den Angehörigen kann man den Standort dank Google Maps jederzeit teilen. Apps übersetzen Schriftzeichen, bestellen Essen, Taxis, lassen mich wissen, wo sich der nächste Spielplatz befindet. Dass man um vier Uhr morgens in einer chinesischen Geisterstadt vor einer zugemauerten Spelunke steht, wo früher ein gepriesenes Guesthouse stand – heute unwahrscheinlich. Dass man danach in einem Stundenhotel landet, weil man die Schrift nicht entziffern kann, auch. Ist mir aber vor nicht mal 10 Jahren alles passiert.

Jansen on Tour

Aber Abenteuer war immer das, was nicht geklappt hat. Wenn es schwierig wurde.

Wird es die in einer Welt, wo die Lösung nur einen “Tap” weit weg ist, überhaupt noch geben?

Gibt es noch etwas zu entdecken, das noch keinen #Hashtag kennt?

Der “Lonely” Planet – ist er Geschichte?

 

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2 Kommentare zu “Gibt es eigentlich noch Abenteuer?

  • Liebe Andrea, wie treffend du den Lonely Planet-Spirit beschreibst – herrlich! Wäre ich nicht gestern mit meinem Sohn in Salvador da Bahia gelandet, würde mich sofort das Reisefieber packen 😉 Grad in Brasilien stecken doch vor allem im Alltag so viele Dinge, die nicht klappen und mit unzähligen kreativen Ansätzen der Einwohner gelöst werden. Ich trink nachher eine Caipirinha auf die vergangenen Reisen und hoffe, in den nächsten Wochen wenigstens ein paar “moderate Abenteuer“ zu erleben. Wer weiss, vielleicht schick ich dir noch Grüsse aus Prainha…
    Der Lonely Planet-Spirit ist also noch vorhanden, es lohnt sich wohl doch ihn zu kultivieren.
    Ein lieber Gruss,
    Effie

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  • Mein Bruder hat vor ca. 5 Jahren ein Jahr Weltreise gemacht. Meine Mutter wusste zu jedem Zeitpunkt wo er war und in welchem Flugzeug er gerade unterwegs war. Hätte er es gleich nach dem Abi gemacht, hätten wir nicht gewusst wo er sich versteckt. 1 Mal im Monat vielleicht ein kurzer Anruf. Mein Mann war vor 15 Jahren mal mehrere Monate im Ausland, wir hatten Glück er konnte mich jeden Tag anrufen, mehr war aber noch nicht drin. Heute ist irgendwie alles näher, obwohl doch noch immer gleich weg.

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