Erst Sexismus, dann Selbstmitleid: Wer ist hier das Opfer?

«Ich kann sehr gut massieren. Soll ich es dir mal zeigen?» So lautete das SMS, das mir mein damaliger Juniorinnen-Trainer schrieb. Ich war vielleicht 16 oder 17. Hatte Teamkolleginnen, die wesentlich jünger waren – und ähnliche Nachrichten vom Trainer erhielten.

Das ist jetzt mehr als 20 Jahre her. Es blieb bei diesen SMS. Der Trainer war schnell wieder weg. Ob’s an den unangemessenen Nachrichten lag? Ich weiss es nicht mehr. Was ich aber noch weiss: Dass ich wenig später erfahren habe, dass genau dieser Trainer schon bei seinem vorherigen Verein wegen ähnlicher Vorkommnisse gehen musste.

Ich fragte mich damals – und ich frage mich heute immer noch, oder vielleicht mehr denn je – wie so etwas sein kann. Wie kann sich ein Trainer am einen Ort daneben benehmen, sexuell übergriffige Nachrichten schreiben, entlassen werden – nur um dann einfach an einem neuen Ort sein Unwesen zu treiben? Wieso sagt niemand etwas? Oder wenn doch jemand etwas sagt, wieso hört man es am anderen Ende nicht? Will es nicht hören?

Wieso kommen solche Täter so oft ungestraft davon?

Man könnte meinen, es hätte sich in den letzten 20 Jahren etwas getan. Die #metoo-Debatte, die Magglingen-Protokolle, die jüngsten Studienergebnisse zu Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und ein #mediatoo-Fall bei einem Starjournalisten der «Republik». Gefühlt stehen wir immer wieder am selben Punkt. An einem ungemütlichen Punkt. An einem Punkt, an dem Trainer, Verbandspräsidenten, Vorgesetzte, Priester – ganz allgemein Männer in Machtpositionen – das Gefühl haben, sie könnten sich gegenüber Untergebenen verbal oder gar körperlich übergriffig verhalten. Und ungestraft davonkommen.

Luis Rubiales ist eines dieser Beispiele. Mitten im Scheinwerferlicht packte er nach Spaniens gewonnenem WM-Finale den Kopf der Spielerin Jennifer Hermoso und küsste sie auf den Mund. Zerstörte einen Moment des Triumphes. Die Spanierinnen waren Weltmeisterinnen geworden – doch statt ausgelassen zu feiern und sich feiern zu lassen, drehten sich die Interviews und Berichte in den Tagen und Wochen danach nur um ein Thema: das übergriffige Verhalten des spanischen Verbandspräsidenten. Das offenbar keine einmalige Sache war; bereits in der Vergangenheit soll es zu sexistischen Verfehlungen gekommen sein. Stets ohne Konsequenzen für den Täter.

Und was macht Rubiales nun? Statt sich zu entschuldigen und in aller Stille und mit Stil zurückzutreten, tritt er die Flucht nach vorne an. Er spricht von einer Kampagne gegen ihn, einer Jagd, einer „Sensationslust des falschen Feminismus“. Er rechtfertigt sich, gibt der Spielerin die Schuld, bezeichnet sie als Lügnerin. Er ist sich keinerlei Schuld bewusst, sieht sich gar selbst als Opfer und weigert sich lange und standhaft, zurückzutreten.

Ein Einzelfall, könnte man denken. Hoffen.

Leider nicht.

Jüngstes Beispiel: Der Fall eines Frauenfussballtrainers in der Region Zürich, von der Disziplinarkammer des Schweizer Sports wegen der Verletzung der sexuellen Integrität für schuldig erklärt. Auch er trat die Flucht nach vorne an. Am vergangenen Mittwoch stand er in der «SRF-Rundschau» öffentlich Rede und Antwort, scheute sich nicht, mit Gesicht und vollem Namen hinzustehen. Denn auch er fühlt sich missverstanden. Unschuldig verurteilt.

Den Fall habe ich von Anfang an verfolgt, für ein anderes Medium darüber berichtet. Im Februar 2022 kam ans Licht, dass der damals 65-jährige Trainer seine Spielerinnen über eineinhalb Jahre hinweg verbal sexuell belästigt hatte, ihnen anzügliche Nachrichten geschrieben hatte. Dass sie ihre schönen Augen nicht hinter einer Sonnenbrille verstecken sollen, dass er oft an sie denke, von ihnen träume, sie vermisse, ihnen einen Bluterguss herausmassieren könne.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte damals das mündliche Angebot des Trainers an eine 22-jährige Spielerin, ihn auf eine Reise nach Las Vegas zu begleiten. Er würde die Kosten übernehmen, wenn sie das Zimmer mit ihm teile. Daraufhin ist das Frauenfussballteam geschlossen zurückgetreten. Ein Untersuchungsverfahren wurde eröffnet. Im Urteil steht, der Trainer sei gegenüber seinen damaligen Spielerinnen obszön, sexistisch und zudringlich gewesen.

Und jetzt steht dieser Trainer öffentlich hin und sagt in die Kamera: «Jetzt müssen Sie sich mal vorstellen, Sie müssen als verheirateter Mann und Vater nach Hause gehen und der Frau und dem Sohn am Tisch klar machen, dass Sie nicht mehr Fussballtrainer sind, weil Sie einen Vorwurf oder eine Anklage haben wegen Eingriffs in die sexuelle Integrität. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie Sie das belastet.»

Und ich möchte ihm entgegnen: «Jetzt müssen Sie sich mal vorstellen, Sie sind eine junge Fussballspielerin und müssen zweideutige Nachrichten von Ihrem 45 Jahre älteren Trainer lesen und ihm mehrmals wöchentlich im Training begegnen. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wie Sie das belastet.»

Ich glaube, ich würde auf taube Ohren stossen. Mir ist klar, dass er sich in einer ungemütlichen Lage befindet.

Doch hat er auch mal darüber nachgedacht, wer oder was ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht hat?

Er versteht die Aufregung nicht und findet, alle hätten sich gegen ihn verschworen – die Spielerinnen, die Disziplinarkammer, die Öffentlichkeit. Es sei ja nichts passiert, er habe ja nie eine Spielerin angefasst. Was sich für die Spielerinnen wie eine Grenzüberschreitung angefühlt hat, nennt der Trainer «faule Sprüche», verharmlost seine zweideutigen Äusserungen als lustige Scherze. Immerhin wurde das Urteil von der Disziplinarkammer verstärkt, weil er sich auch während des Verfahrens derart uneinsichtig gezeigt hatte. Er wurde für zwei Jahre als Trainer gesperrt. Muss zuerst ein psychologisches Verhaltenscoaching absolvieren, bevor er wieder Athletinnen trainieren darf.

Besonders zu denken gegeben hat mir während meiner Recherche, dass derselbe Trainer zuvor auch an anderen Wirkungsstätten mit unangemessenem Verhalten aufgefallen war, dass sich auch bei seinen ehemaligen Vereinen immer wieder junge Sportlerinnen von ihm belästigt gefühlt haben – dass aber nie etwas passiert ist. Entweder haben die Spielerinnen geschwiegen oder die Vorwürfe wurden von den Vereinen unter den Teppich gekehrt. Teilweise wurden Vereine sogar von ehemaligen Spielerinnen gewarnt – und haben die Warnungen ignoriert.

Wenn er heute einen Fussballmatch besuche, dann werde über ihn getuschelt, sagt der Trainer in der «Rundschau». Er sei stigmatisiert, als Lüstling abgestempelt. «Das ist für mich sehr, sehr schlimm. Das ist für mich fast nicht auszuhalten.» Auf den Hinweis des SRF-Reporters, dass es doch auch für die betroffenen Spielerinnen schlimm gewesen sei, antwortet er: «Das weiss ich nicht, das kann ich nicht beurteilen.» Und: «Was ich nicht begreife, ist, warum niemand meine Situation anschaut.»

Die Parallelen zu Luis Rubiales sind frappant. Und mir fallen noch ein Dutzend weitere solcher «bemitleidenswerter» Täter ein.

Ich frage mich: Fehlt diesen Männern die Empathie?

Liegt es an mangelnder Selbstreflexion? Oder ist das einfach purer Narzissmus?

Und sprechen wir bitte auch über die Rolle der Vereine und Verbände, die solche Täter tolerieren oder gar verteidigen. Im Zürcher Fall hatte der Fussballklub die Spielerinnen lange nicht ernst genommen, ihnen vorgeworfen, sie seien empfindlich und würden überreagieren. Im Fall von Rubiales war die erste Reaktion des spanischen Verbandes auf das skandalöse Verhalten: «Es war eine ganz spontane gegenseitige Geste aufgrund der grossen Freude über den Gewinn einer Weltmeisterschaft.»

Luis Rubiales sagt, er habe Jennifer Hermoso «nur» wie eine Schwester geküsst. Der Zürcher Frauenfussball-Trainer sagt, er habe doch «nur» faule Sprüche gemacht. Was beide dabei verkennen, ist, dass es nicht wirklich darum geht, in welcher Absicht sie gehandelt haben. Sondern darum, wie ihr Verhalten beim Gegenüber angekommen ist, welche Gefühle sie damit ausgelöst haben. Impact over intent.

Und überhaupt: Es geht hier nicht um sie. Sie sind nicht die Opfer. Sie sind die Täter.

Wenn sie dadurch selbst Nachteile erleiden, an den Pranger gestellt werden, unangenehme Folgen zu spüren bekommen, dann doch nur, weil sie zuvor Fehler begangen haben.

«Wenn Offenheit und Ehrlichkeit als sexuelle Belästigung gelten, dann wird es der Frauenfussball in Zukunft sehr schwer haben, Trainer zu finden», schrieb mir der Trainer damals, als die Geschichte ans Licht kam.

Ich würde es gerne umdrehen: Wenn sexuelle Belästigung endlich nicht mehr als «nur ein lustiger Scherz» oder «nur ein harmloser Kuss im Affekt» abgetan werden kann, dann wird der Frauenfussball tatsächlich um einige Trainer und Verbandspräsidenten ärmer sein. Aber ganz ehrlich, niemand wird sie vermissen.

Autorin
Sandra T. für Anyworkingmom.com

Als freie Journalistin schreibt Sandra Trupo-Kuhn (Jg. 1984) über all das, wofür ihr Herz schlägt, vom Muttersein über Inklusion bis zum Regionalfussball – am liebsten mitten in der Nacht. Sie lebt als “Huhn im Korb” mit ihrem Mann, drei Söhnen (geboren 2012, 2014 und 2017) und einem Kater im Zürcher Unterland, schwankt täglich zwischen Chaos und Perfektionismus und ist immer für absurde Abenteuer zu haben.

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3 Kommentare zu “Erst Sexismus, dann Selbstmitleid: Wer ist hier das Opfer?

  • Ich weiss nicht, ob es sinnvoll ist, dieses wichtige Thema an Hand dieses Beispieles abzuhandeln. XXX hat sich daneben benommen, war verbal übergriffig, hat junge Frauen sexuell bedrängt. Und er ist absolut nicht einsichtig. Für sein Verhalten hat er eine angemessene Strafe erhalten. Wobei die schlimmste Strafe ja ist, dass er jetzt durch die Medien verurteilt wird – quasi von einem modernen Pranger. Vermutlich auch deshalb wird XXX nie mehr in einem Fussballclub tätig werden.
    Menschen wie XXX gibt es, ob es sie in Sportvereinen häufiger gibt als anderswo, weiss ich nicht.
    Die Frage ist, wie man verhindern kann, dass solche Menschen in Vereinen tätig werden. Menschen wie XXX, die offenbar fachlich tolle Trainer sind, bei den Jungs vielleicht sogar viele Erfolge gefeiert hatten. Bei denen aber irgendetwas faul ist, was vielleicht erst in speziellen Konstellationen – hier beim Frauenteam – sichtbar wird.
    350 000 Menschen sind in den Schweizer Sportvereinen ehrenamtlich tätig, die meisten Männer, und es bräuchte noch viel mehr. Ich kenne keinen Fussballclub, der nicht Wartelisten führt, und gerne noch einige Teams mehr führen würde. Prävention wäre wichtig, nur wie soll die funktionieren?
    Und hier hat der Verein ja umgehend reagiert, sich den Trainer vorgeknöpft, ihn umgehend freigestellt. Und die Meldung bei swiss sport integrity gemacht. Was hätte er mehr tun sollen? Schade, dass die Frauen trotzdem den Verein verlassen haben. Sie hätten jetzt zeigen können, dass sie es auch ohne männlichen Trainer schaffen.

      Antworten
    • Lieber Andi, es ist nur ein Beispiel von vielen (und war ja auch nicht das einzige Beispiel im Artikel), aber ein exemplarisches, das stellvertretend für so viele stehen kann.
      Du nennst den Namen des Trainers in deinem Kommentar mehrmals. Wir haben in unserem Artikel bewusst darauf verzichtet – und auch deinen Kommentar entsprechend angepasst. Auch die Medien, die im Februar 2022 über diesen Fall berichtet haben (u.a. Watson, NZZ, Blick), haben nie den Namen des Trainers genannt. Niemand wollte den Trainer an den medialen Pranger stellen. Das hat er selbst getan, indem er in der SRF-Rundschau mit Gesicht und vollem Namen hingestanden ist. Was wiederum zeigt, wie wenig Einsicht und Schuldbewusstsein er hat. Ich bin sicher, dieser Rundschau-Beitrag wäre auch gesendet worden, wenn der Trainer nur von hinten, mit verstellter Stimme und ohne Namen hätte vor die Kamera treten wollen.
      Was den Verein betrifft: Der hat eben leider nicht wahnsinnig gut reagiert. Das kommt zwar im Rundschau-Beitrag nicht wirklich zur Geltung, weiss ich aber aus meiner eigenen Recherche und aus dem Austausch mit mehreren betroffenen Spielerinnen.
      Mir ist bewusst, dass sehr viele Sportvereine mit Trainermangel zu kämpfen haben. Wie man verhindern kann, dass solche Menschen in Vereinen tätig werden, darauf weiss ich leider auch keine abschliessende Antwort. Aber man könnte zumindest den betroffenen Spielerinnen oder Opfern von Sexismus generell mehr Glauben schenken und nicht die Täter schützen – vor allem nicht die, die sich selbst als Opfer darstellen.

        Antworten
  • Liebe Sandra Trupo

    Vielen Dank für diesen wirklich guten Artikel.
    Die Täter, die sich als Opfer hinstellen und die wirklichen Opfer als Lügnerin, schrecklich und widerlich.
    Sie schreiben: “Doch hat er auch mal darüber nachgedacht, wer oder was ihn überhaupt erst in diese Lage gebracht hat?” Und ich glaube DAS ist die alles entscheidende Frage und die Antwort wissen wir alle auch: NEIN, darüber nachgedacht haben diese Täter nicht, weil sie ja ach so arme Opfer sind…
    Ich hoffe dieser Text wird weit verbreitet und gelesen, danke nochmals dafür!

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