Ich Tubel. Die Wahrheit über Care-Arbeit

Es war ein normaler Wochentag. Einer von denen, an dem ich nicht einer bezahlten Arbeit nachging. Wie immer am Mittwoch war Waschtag. Weil Montag, Dienstag und Freitag meine “Arbeitstage” sind, muss der Haushalt mittwochs und donnerstags erledigt werden. Ausser ich möchte am Wochenende Klos putzen und Wäsche falten. Möchte ich nicht. (Disclaimer an dieser Stelle: Mein Partner arbeitet Vollzeit, meist auswärts, deshalb ist die Hausarbeit mehrheitlich meine Verantwortung).

Es war also ein normaler Mittwoch, an dem ich abends erschlagen auf dem Sofa landete, mit einem UFF. Es kam aus tiefster Seele und ich fand, dass ich an jenem Tag ziemlich viel geschafft hatte. Ich begann aufzuschreiben – und fand’s am Ende ziemlich unglaublich, was für ein Pensum ich bewältigt hatte.

Ein Tagesprotokoll meiner Care-Arbeit – ohne Anspruch auf hundertprozentige Genauigkeit:

6:50
Ich stehe auf und schmeisse noch im Pischi die erste Wäsche in die Maschine. K1 (13) wird verabschiedet.

7:00 
Müsli machen für K2 (7), Znüni einpacken, parallel dazu Kaffee machen.

7:10
Die restliche Schmutzwäsche sortieren. Eine Woche, vier Familienmitglieder. Wir teilen unsere Waschmaschine im Keller mit drei anderen Parteien. Deshalb, und weil ich eben drei Tage zur Arbeit weg bin, der fixe Waschtag.

7:30
K2 beim Bereitmachen für die Schule begleiten. Je nach Tagesverfassung des Kindes mehr oder weniger aufwändig. Ganz allein schafft sie’s noch nicht.

7:40
K2 verabschieden, Mann verabschieden (er geht zur Arbeit), Kaffee austrinken.

7:50
Küche machen, aufräumen.

Ein Wort zum Aufräumen: Das ist etwas, was in diesem Haushalt beliebig ausgebaut werden kann. Mehr geht immer. Fertig ist man eigentlich nie. Mit Aufräumen meine ich an diesem Punkt, die gröbsten Störefriede in Form von Stofftieren auf dem Esstisch, Dinos auf der Küchenbank, Socken im Flur und das längst gelesene Magazin dorthin zu verfrachten, wo sie eigentlich hingehören.

8:00
Die Wäsche sollte fertig sein, ich gehe checken: Nix da – Programm verlängert wegen “Schaumbildung”. Kann ich mir nicht erklären, ausser dass der neue Matratzenbezug irgend eine dubiose Restchemikalie von sich gegeben hat. Jänu. Also wieder die Treppe hoch…

8:05
Putze ich halt schon mal das kleine Bad. Oh! Und ich sollte mir noch die Zähne putzen.

Andere umsorgen, aber den eigenen Körper fast vergessen. Wer kennt’s nicht?

8:30
Erneuter Wäschecheck. Jetzt: Fehler im Schleudergang – wegen “Unwucht”. Der neue Matratzenbezug gibt alles. Der Wäscheklumpen liegt nass triefend in der Trommel. Screw it, keine Zeit mehr für haushaltsgerätschaftliche Animositäten, I do it the old way: aufhängen, abtropfen lassen, nächste Wäsche.

Im Nacken sitzen mir die kurzzeitige Abwesenheit am Nachmittag und der anstehende Einkauf. Wenn ich die ganze Wäsche bis abends schaffen will, muss ich mich ranhalten.

8:40
Nun kommt das grosse Bad dran mit Putzen. Heute nur das Nötigste: Klo und Lavabo. Danach duschen – bis hierhin lief die ganze Vorstellung im Pyjama, beim Gang in die Waschküche clever kaschiert mit Hoodie und Finken.

9:10
Das Chaos wuchert im Kinderzimmer von K2. Bis die nächste Wäsche durch ist, bleiben noch einige Minuten, die ich nutze, um zumindest dem Schreibtisch wieder aus der Lawine zu helfen.

9:40 
Die dritte Wäsche wird gestartet, den See unter der tropfenden Wäsche aufgeputzt.

9:50
Ich muss noch einkaufen, da K1 morgen einen Ausflug mit der Schule hat und einen Lunch mitnehmen soll. Da kein Brot mehr da ist, geschweige denn eine anständige Befüllung, muss das heute passieren. Ich gehe die Einkaufsliste durch und kontrolliere, was sonst noch fehlt.

10:05
Ab zum Einkaufen. Da das Wetter schön ist, heute zu Fuss mit dem Veloanhänger. Für wenigstens etwas Bewegung. Weil: Zeit für Sport ist heute nicht.

11:05
Zurück vom Einkaufen. Die vierte Wäsche geht in die Maschine. Die Einkäufe wollen weg geräumt werden.

11:30
Mittagessen vorbereiten – wo ist der Morgen hin? Es gibt Resteauflauf.

11:40
Bis der Auflauf fertig ist, bleibt noch Zeit, die erste Ladung Wäsche zu falten und zu versorgen.

12:05
Fünfte Wäsche in die Maschine, Tisch für den Zmittag decken.

12:15
Die Kids kommen von der Schule heim, wir essen zu Mittag. Sie erzählen mir vom Tag, die eine oder andere Dissonanz will abgefangen werden.

12:45
Küche machen – ja, die Kids helfen natürlich. Bei K2 ist das aber noch kein Selbstläufer. Das Begleiten kostet fast mehr Zeit, als es husch selbst zu machen. Lüften. Im Schlafzimmer steht noch die Bettwäsche aus dem Trockner. Ich beziehe die Betten neu.

13:10
Die nächste Wäsche ist fertig: aufhängen. Der Nachbarin schreiben, dass die Maschine jetzt kurz frei wäre, damit sie eine Notfallwäsche machen kann.

K2 hat mittwochnachmittags Ponyreiten, ich teile mir den Fahrdienst mit einer benachbarten Familie. Heute bin ich dran. Ponyreiten heisst: wetterentsprechende Kleidung – und die obligaten damit verbundenen Diskussionen. Regenhosen sind ein generelles Objekt des Anstosses und wir einigen uns schliesslich darauf, sie zumindest einzupacken. Znüni, Velohelm, Schuhe.

13:35
Die Nachbarsmädchen kommen. Einsteigen. Wer sitzt wo, alle wollen hinten. Anschnallen helfen, Rucksäcke nicht vergessen. Helme und Jacken auch nicht.

Wär’s nicht mal Zeit für eine Pause?

14:05
Die Mädels sind bei den Ponys abgeliefert. Meine Eltern wohnen in der Nähe, ich treffe sie zum Kaffee. Dies ist meine erste richtige Pause an diesem Tag. Seit 6:50 sind gut sieben Stunden vergangen.

15:20
Fertig lustig. Ich muss von meinen Eltern los, um die Mädels wieder bei den Ponys abzuholen.

15:30
Ankunft zuhause. Es hat natürlich geregnet, entsprechend nass und schlammig ist das fröhliche Grüppchen. Die Nachbarsmädchen bleiben noch zum Spielen. Mein Kopf sortiert: Was wo möglichst emissionsarm zur Trocknung aufhängen in dreifacher Ausführung? Und: “Händewaschen nicht vergessen!”

16:00
Die Ponyreiterinnen haben Hunger. Zvieri machen. K1 hat ebenfalls einen Kumpel zu Besuch, die kriegen auch grad Zvieri. Ich setze mich halb dazu, mit einem Auge überfliege ich das Lokalblatt.

16:30
Die Pfludiwösch vom Morgen ist jetzt trocken. Es kann ein weiteres Bett bezogen werden.

16:50
Die letzte Wäsche geht rein, die vorletzte Wäsche wird aufgehängt.

17:00 
Unweigerlich drängt sich die Frage auf: Was essen wir heute zum Znacht? Es kommt zur Abstimmung zwischen Flammkuchen und Fajitas. Der von K1 ad-hoc erfundene Zufallsgenerator entscheidet: Flammkuchen. Sein Kumpel muss los.

17:10
K1 macht den Flammkuchenteig – unter wenig Anleitung. Muttern schnippelt den Belag.

17:50
Die Nachbarsmädels inkl. ihrer Regengarnitur (Haben wir alles?) losschicken. Wie es die Tradition will, hat K2 ihnen grosszügig Spielsachen verschenkt (geschieht im Gegenzug jedes Mal auch, wenn K2 bei ihnen zu Besuch ist). Also müssen Tüten in der passenden Grösse herausgesucht werden. Und: Weil’s so lustig ist, will eine Jacke unbedingt verkehrtherum angezogen werden – mit Reissverschluss am Rücken.

18:00
Der Flammkuchen geht in den Ofen, es fehlt noch der Salat. Tisch decken.

18:10
Letzte Wäsche aufhängen, Trockner starten.

18:30
Abendessen.

18:50
Küche aufräumen, lüften.

19:00
kurze Pause

19:15
Der Trockner sollte fertig sein. Oh, Wunder: Nein. Vermutlich wegen Überfüllung verspätet. Ich entferne drei grössere Teile zur Entlastung.

19:30
Vorlesezeit. Der gemeinsame Nenner der beiden Kinder beschränkt sich mittlerweile auf Harry Potter.

20:00
Kids (bzw. vor allem K2) ins Bett begleiten.

20:10 
Der Trockner ist fertig, leeren, reinigen.

20:30
Endlich Feierabend.

Ich lande also auf dem Sofa und schreibe einfach mal nieder, was ich heute alles gemacht habe. Und ich erschrecke: Gestartet bin ich um 6:50. Das waren geschmeidige 13,5 Stunden. Abzüglich zwei Stunden Pausenzeit kommen wir also auf gute elf Stunden.

11 Stunden Care-Arbeit, hoppla.

Für alle, die finden, Hausfrauen würden nur Kaffee trinken: Ja, wir käfelen manchmal. Aber wir erledigen auch einiges. Nämlich durchaus mal elf Stunden pro Tag.

Ich mach die Überschlagsrechnung: Würde ich die elf Stunden zu meinem Stundenansatz bei der Arbeit verrechnen, käme ich auf 407 Franken, die ich verdient hätte. Die Arbeiten, die ich heute erledigt habe, fallen jede Woche an. Das heisst, diese elf Stunden erledige ich jede Woche – egal ob an einem Tag oder verteilt auf zwei oder drei Tage. Würde ich das verrechnen käme ich auf 1628 Franken monatlich.

Jährlich wären das knapp 20‘000 Franken.

Schluck.

Dabei war das bei weitem nicht alles, was punkto familiärer Care-Arbeit anfällt.

Nicht eingerechnet sind hier zum Beispiel:

– Kinderbegleitung an allen anderen Tagen
– Koordination und Organisation von Geschenken für Geburts- und Feiertage
– Recherche und Organisation für Ferien, Alltagsgegenstände und Bekleidung
– Arztbesuche und diverse Logistik
– Kochen, Küche aufräumen und Aufräumen an sechs anderen Tagen (zumindest teilweise, ja, der Kinderpapa beteiligt sich natürlich auch)
– Wäsche, die jetzt unten im Keller noch trocknet, falten und versorgen
– Keller-, Abfall- und Vorratsmanagement

Die Liste liesse sich fortsetzen.

Mit allem zusammen komme ich LOCKER nochmal auf 20‘000 Franken pro Jahr.

Ich arbeite also für 40‘000 Franken pro Jahr gratis.

Dafür, dass ich dann weniger Rente kriege, als mein Partner, der Vollzeit auswärts beschäftigt ist.

Ich Tubel.

Und jetzt kommt der Disclaimer aus der Meta-Ebene: Ja, etwa so sehen Mittwoche bei uns oft aus. Aber sie sind nicht immer so lang und intensiv. Nicht immer sind ganz so viele Wäscheladungen zu waschen, meist streikt die Maschine nicht. Den Transport zum Ponyreiten übernehme ich nur jede zweite Woche. An den anderen Nachmittagen gebe ich Nachhilfe. Aber das ist auch egal.

Denn das Fazit bleibt dasselbe: Egal, ob ich diese Arbeit an einem Tag erledige oder an mehreren Tagen: Wir, die – zumindest teilweise – zu Hause bleiben, leisten sehr viel Arbeit.

Und: Wenn die Kinder noch klein sind, können diese Tage noch sehr viel länger sein. Dann ist das Baby z.B. schon um 5:30 wach und möchte gefüttert werden, die Einschlafbegleitung hat am Abend davor nicht zehn Minuten, sondern zwei Stunden gedauert oder wir sind vielleicht dreimal in der Nacht aufgestanden, haben kranke Kinder rumgetragen, Kotze weggeputzt und das Babybett frisch bezogen.

Ja, wir wollten das alle so. Wir wollten Kinder und das war und ist unsere eigene Entscheidung, die wir zu tragen haben. Gar keine Frage.

Was mich aber erschüttert ist, dass diese Care-Arbeit nicht in ihrem vollen Umfang gesehen wird – noch nicht mal von uns Caregiver:innen selbst.

Das ist es, was mir fehlt: Sichtbarkeit. Und Wertschätzung.

Wir schmeissen über Jahre überdurchschnittliche Pensen. Lasst uns das auch entsprechend würdigen.

Und, imfall: Wenn jetzt noch jemand findet, wir Care-Arbeitenden würden nur Kaffee trinken, dann ist diese Person auch ein Tubel. 😉

Autorin

Die @puffmuetter legt – nomen est omen – frisch von der Leber und drum gespickt mit Helvetismen auf Instagram die ungeschönte Realität des familiären Chaos dar. Anhand der Rückmeldungen, die sie auf ihre Posts kriegt, macht sie die Erfahrung, dass es allen etwa gleich geht und die Kinderzimmer im Durchschnitt gar nicht so perfekt sind, wie es manchmal den Eindruck macht. Der Anonymität halber nennt sie sich hier nur Puffmuetter und ihre Kinder K1 und K2.


Kafikasse_Any_Working_Mom

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Ein Kommentar zu “Ich Tubel. Die Wahrheit über Care-Arbeit

  • Interessante Aufstellung. Allerdings kann ich die Folgerungen nicht ganz nachvollziehen. Obwohl ich mich bei diesem Tagesablauf das eine oder andere Mal frage, ob denn diese Tätigkeit wirklich nötig ist, und warum die Kinder offenbar praktisch nichts selber tun, zweifle ich keineswegs, dass ein Tag zu Hause mit kleinen Kindern sehr ausgefüllt ist. Ein Arbeitstag halt, vergleichbar mit dem Pensum/Ablauf bei der Erwerbsarbeit. Und auch da ist es doch üblich, dass man abends und am Wochenende noch Hausarbeiten zu erledigen hat – die Wäsche vor dem Fernseher, den Grosseinkauf am Wochenende, ebenso alle möglichen Reinigungsarbeiten. Und Kinder betreuen, auch wenn ich Mühe habe, dies immer als Arbeit zu sehen.
    Ist es Gratisarbeit? Ja. Aber wer sollte denn für diese Arbeiten im eigenen Haushalt zahlen? Dass Kinder bis 20jährig je nach Berechnung mehrere 100 000 Franken Kosten auslösen ist bekannt. Entweder direkt oder indirekt, wie hier durch reduzierte Erwerbstätigkeit. Dass kleine Kinder nicht nur schlaflose Nächte auslösen, sondern zweitweise stark fordern bis überfordern, ist ebenfalls kein Geheimnis. Meiner Meinung nach wird diese Care Arbeit der Eltern durchaus auch gewürdigt.
    Es ist auch nicht so, dass die Frau jetzt gratis arbeitet, und der Mann seinen grossen Verdienst allein behält. Vielmehr gibt es ein gemeinsames Familieneinkommen. Das vielfach grösser ist, als wenn die Erwerbsarbeit egalitär aufgeteilt würde. Das gleiche gilt für die Pension, zumindest solange die Eltern zusammen bleiben.
    Alternativ könnten auch beide Eltern vollzeit erwerbstätig sein, und möglichst viele Bereiche dieser “Gratisarbeit” gegen Geld auslagern. Je nach Einkommen ist das billiger oder teurer, aber auf jeden Fall stressiger, denn manches bleibt dann doch übrig. Damit wäre dann das Problem der Pension zumindest gelöst und die Arbeit wird bezahlt. Dafür hat die ausgelagerte Care Arbeit dann ein Preisschild.
    Relevanter scheint mir aber, dass nach meiner Erfahrung (und der Statistik) viele Frauen nie mehr zu voller Erwerbsarbeit zurückkehren. Obwohl die Kinder viel Zeit in der Schule verbringen, selbstständig werden, auch immer mehr mithelfen können. Und irgendwann gar nicht mehr im Haushalt sind.

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