Die perfekte Mutter – sie muss weg

Was heisst schon “perfekt”? Welche Mutter ist das – ausser jener, die wir auf Instagram finden und die uns diese vermeintliche Perfektion nur vorspielt? Ich persönlich kenne entweder keine perfekten Mütter, oder dann sind sie es alle – wir alle tun, was wir können, und meist noch ein bisschen mehr.

Gemeingut Frau und Supermom

Der Druck von aussen ist nicht zu unterschätzen: bereits VOR der Schwangerschaft wird jeder Frau über 30 eingeimpft, dass sie nur dann ihre Bestimmung erfahre, wenn sie ein Kind zur Welt bringe! Das finde ich anmassend. Ich kenne einige Frauen, die sich kaum trauen, ihren Nicht-Kinderwunsch öffentlich auszusprechen.

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Bildquelle: Die Zeit.

Mit der Schwangerschaft geht es weiter – jeder darf kommentieren (“was, du isst rohen Lachs?!»), jeder darf fragen (“wieviel hast Du schon zugenommen?”), jede darf ungefragt ihre Geburtsgeschichte beisteuern. So viel Einmischung von aussen verunsichert. Das Grundvertrauen “es dann schon irgendwie richtig zu machen”, ist vielen Frauen abhanden gekommen, und man klammert sich an vermeintliche Vorbilder, die in Tat und Wahrheit wahrscheinlich genauso wursteln wie wir alle.

Das Konzept einer “Supermom”, die alles nach Lehrbuch macht, täglich in der Küche das Biogemüse schnippelt, dem Baby das Mützchen selbst strickt und an Weihnachten Elfentürchen bastelt, findet da wunderbaren Nährboden, auch weil diese Bilder mit einem Urgefühl verbunden sind, für jemanden zu sorgen. Ich mag solche Dinge ja auch – wenn sie denn aufgrund eines persönlichen Wunschs entstehen und nicht wegen des Drucks, es machen “zu müssen”.

Sanctimommies – die Richterinnen im Netz

Aus beruflichen Gründen bewege ich mich sehr viel auf Facebook, in diesen medialen Dörfern namens “Gruppen”. Und was ich da teilweise lese, dieses Richten über die, die es vermeintlich weniger gut machen, dieses “Sanctimommy”-Gehabe, das finde ich beschämend.

Viel eher sollten wir Frauen uns gegenseitig stärken und einander die Steigbügel halten – mit mehr Energie und Glaubwürdigkeit wäre es nicht mehr so ein weiter Weg zur echten Gleichberechtigung.

Nach der anfänglichen Verunsicherung durch dieses absolute Übermass an Ratschlägen und des genormten “man sollte”, bin ich mittlerweile nach drei Kindern ziemlich taub geworden auf beiden Ohren und höre primär auf meine Intuition. Meine Kinder werden nicht dumm, weil sie mit dem iPad spielen dürfen. Sie werden nicht krank, weil wir ihnen Süssigkeiten erlauben.

Aber ich glaube, sie werden nur dann starke, resiliente und selbstsichere Menschen, wenn ich ihnen zuhöre und sie ernst nehme. Darum möchte ich unbedingt diese Verbindung zu ihnen spüren, sie emotional abholen und ernst nehmen. Das braucht Zeit und Geduld, und die will ich mir nehmen. Manchmal habe ich deshalb für anderes weniger Zeit.

die perfekte mutter muss weg - ein rant von www.anyworkingmom.com

Adé, Perfektion!

Verzicht gehört allerdings zum Elternsein dazu. Die Zeit wird knapper, die Ressourcen auch. Mit fünf Stunden unterbrochenem Schlaf powert niemand mehr so durch den Tag wie in der Zeit vor den Kindern, und trotzdem will jede Minute genutzt sein. Ich bin mit Brandi Zuckerberg, der Schwester von Facebook-Mark, einverstanden, wenn sie sagt: “Work, Sleep, Family, Fitness, Friends – choose 3”. Für mehr reicht es einfach nicht. Bei mir sind es übrigens Work, Family und Friends.

Ich bin 2012 mit der Vorstellung schwanger geworden, dass die Vereinbarkeit gut lebbar ist, dass wir in der Schweiz ein Umfeld haben, in dem dies mit viel Organisation sehr wohl möglich ist. Und ich wurde eines Besseren belehrt: Die Schweiz ist nach wie vor auf ein traditionelles Familienmodell ausgerichtet, in dem die Mutter zu Hause auf die Kinder aufpasst.

Fremdbetreuung ist dermassen teuer, dass es sich ab ca. 40 % Arbeitstätigkeit beim zweiten Elternteils kaum noch lohnt. Wer keine Grosseltern zur Stelle hat, die diese Aufgabe freiwillig (und gratis!) übernehmen, steht vor der Entscheidung: Kinder oder Karriere oder beides, wobei bei der letzten Variante das Arbeiten oft als Investition in die Zukunft anzusehen ist und der eigenen Unabhängigkeit und Erfüllung dient, weil es sich finanziell nicht lohnt.

Berufstätige Mütter in der Schweiz, die mehr als die gängigen 50 – 60 % arbeiten, haben nach wie vor ein Stigma zu tragen. Ein schlechtes Gewissen wird nicht nur eingeredet, sondern empfindet man durch dieses traditionelle Gedankengut der “guten Mutter” gleich auch selbst.

Eine gleichberechtigte Elternschaft wird so von Anfang an quasi verhindert – mit nur zwei Wochen Vaterschaftsurlaub wird die Rollenverteilung ab Geburt zementiert. Und kein Wunder bedarf es einer enormen Anstrengung für ein Paar, sich dieser Norm zu widersetzen und für sich selbst ein Modell zu finden, das für alle stimmt.

You can’t have it all – at the same time

So musste ich sehr schnell Abstriche machen in meiner utopischen Vorstellung von Work-Life-Balance. Vereinbarkeit ist nicht nur eine Frage der Organisation, sondern auch der Emotionen. Ich wollte zum Beispiel meinen Sohn nicht nach fünf Monaten in einer Krippe betreuen lassen, so wie wir das vorgängig geplant hatten. Es fühlte sich für mich nicht richtig an.

Und so mussten neue Lösungen her – denn nein, auf meine Arbeit wollte ich genauso wenig verzichten. Schliesslich war sie davor vierzehn Jahre lang mein Fokus gewesen und auch meine Leidenschaft.

Ich habe mich stark verändert. Zuerst war ich desillusioniert, danach wütend. Und jetzt bin ich der Meinung, dass wir für eine Veränderung kämpfen sollten. Der viel zitierte Satz “You can’t have it all” von Anne-Marie Slaughter hat für mich immer noch sehr viel Wahres, auch wenn ich ihn mit “at the same time” ergänzen würde. Eltern werden hat durchaus Entscheidungen zur Folge, aber die sollte man selber treffen dürfen.

Was heisst perfekt?

Ich war und bin Perfektionistin. Nur habe ich meine Definition von Perfektion erneuert. Perfekt heisst nicht, drei Kinder zu haben, einen glänzenden Haushalt (für den übrigens primär die Putzhilfe zu loben ist), eine Karriere (die selbstverständlich anders verläuft, als wenn ich keine Kinder hätte – aber das ist keinesfalls negativ gemeint), eine Figur, der man die drei Kinder nicht ansieht (wofür? Ich will diese Leistungen ja nicht verheimlichen), eine verständnisvolle und leidenschaftliche Partnerin zu sein und dann auch noch präsente Tochter, spontane Freundin, innovative Arbeitskollegin.

Nein, perfekt heisst: Sich selbst nicht aufgeben und nicht vergessen, wer man ist. Ich glaube, nur das gibt mir die Kraft, die beste Mutter für meine Kinder zu sein.

Fails – schlechte Mutter oder einfach Mensch?

Natürlich gibt es Momente, in denen ich wahrscheinlich etwas besser machen könnte. Zum Beispiel, wenn ich seit einer halben Stunde dringend auf die Toilette muss, das Baby sich aber den Kopf gestossen hat, die Tochter dringend Hilfe braucht beim Schuhe anziehen und der Sohn selbstverständlich genau. jetzt. sofort. und keine Sekunde später seinen blauen Stift haben muss und mir das entsprechend viermal ins Ohr schreit.

Dann werde ich laut, manchmal zu laut, und natürlich oft zu unrecht. Denn aus Kinderperspektive gibt es ja nur ein “Jetzt”, die Bedürfnisse der anderen werden gar nicht wahrgenommen in den ersten Jahren. Aber für so viel Reflexion habe ich in solchen Momenten keine Nerven, ehrlich gesagt.

Gemäss Studien ist unser Einfluss ja gar nicht so gross, wie wir das immer denken. Und Kinder “kontrollieren” und “erziehen” zu wollen, ist meiner Meinung nach sowieso eine Illusion. Kinder kopieren. Wenn ich also will, dass sie anständige, liebevolle Menschen werden, muss ich bei mir selbst anfangen.

Weg mit der perfekten Mutter und her mit der Energie

Die Energie, die frei wird, wenn wir uns von diesem Perfektionsdrang lösen, investieren wir am besten in uns, in unsere Kinder und in die Generation an Eltern, die nach uns kommt. Bei der man dann nicht mehr nur über die Mütter, sondern auch über die Väter spricht. Hoffentlich.

Jede Mutter ist perfekt, oder kann perfekt sein, wenn sie sich selbst das Mass aller Dinge ist und nicht versucht, ein gesellschaftliches, imaginäres Konstrukt einer ‘perfekten Mutter’ zu sein.

Dieser Text ist eine überarbeitete Version von Andreas Beitrag im Buch “Mama kann nicht kochen – Liebeserklärungen an perfekt unperfekte Mütter” von Martin und Camilo Jaschke.

Autorin

Andrea Jansen www.anyworkingmom.com

Andrea Jansen ist die Gründerin und Chefin von Any Working Mom. Sie reist gerne durch das Leben und um die Welt, versucht, weniger zu micromanagen und mehr zu schlafen. Sie ist Unternehmerin, Stiftungsrätin, Journalistin und Mutter von drei Kindern. Seit mindestens drei Jahren will sie ihre Website updaten und kommt nicht dazu – bis dahin findet man sie auf Insta als jansenontour.

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15 Kommentare zu “Die perfekte Mutter – sie muss weg

  • DANKE Andrea für diesen (und alle anderen!) wunderbaren Text – wiedermal triffst du den Nagel auf den Kopf und schreibst mir aus dem Herz!

      Antworten
  • Liebe Andrea,
    einmal mehr einen super Artikel! Danke Dir dafür! Ich lese sehr gerne Deine Artikel, denn sie sprechen genau das an, was ich auch denke und erlebe. Sie geben mir Kraft und Ausdauer, mich immer wieder für meine Wünsche und Ziele einzusetzen.
    Danke Dir

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    • Liebe Luzia, vielen Dank für den wunderbaren Kommentar. Viele wissen das nicht – oder können es sich vielleicht nicht vorstellen – aber für mich und Anja sind genau solche Rückmeldungen der Motor, der uns viele viele Stunden vor dem Compi verbringen lässt. Wenn wir hören, dass diese Seite – mit allen ihren Imperfektionen – anderen Eltern auf irgend eine Weise Kraft gibt, dann ist unser Ziel erreicht. Danke Dir!

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  • Vielen Dank für diesen tollen Eintrag! Gerade als Erstlingsmama – und tiefste Perfektionistin 😉 – musste ich auch erst meinen Weg finden und fand das nicht immer unbedingt leicht

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  • Vielen Dank für den tollen Artikel
    A propos Perfektionismus/have it all hier ein super Buchtipp:
    Drop the Ball: Achieving More by Doing Less | Tiffany Dufu

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  • Hui ich fühlte mich grade ein bitzeli ertappt. In meinem Kühlschrank hats in der Tat fast nur Biogemüse. Und Chäppli gehäkelt habe ich auch schon zig. Owee und jetzt kommts: grade hämmere ich an einem Wichtelhaus für die Adventszeit. Aber war halt schon immer eine Basteltante. Dafür kann ich manchmal das Foifi nicht grade sein lassen. Und wäre in vielem gerne lockerer, flockiger unterwegs. So ist jede von uns anders. Und trotzdem verbindet uns eins: Die bedingungslose Liebe zu unseren Kindern.

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  • Liebe Andrea
    Sollte eigentlich schon lange schlafen, bin jedoch wieder mal an einem deiner packenden Artikel hängen geblieben. Welche Studie meintest du mit “gemäss Studien ist unser Einfluss (auf die Kinder) ja gar nicht so gross, wie wir das immer denken”?

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  • Liebe Andrea
    Danke für diese Zeilen – sie machen Mut, und drum lese ich hier so gerne mit. Rückblickend kann ich nur sagen, Hauptsache für sich selbst & die eigene Familie stimmts so wie’s grad ist. Und der Rest soll doch denken und meinen was er will. Aber dafür musste ich die 40 überschreiten ;).

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