Beziehung pflegen oder retten? Tipps aus der Positiven Psychologie

Am Anfang einer Beziehung: Verliebtheit, Blüte, Ekstase, nächtelange Gespräche im Auto, wilder Sex.

Später dann irgendwann: Alltag, Mundgeruch, Routine, Müdigkeit, leakende Windeln, Augenringe, Trainerhosen.

Where have all the flowers gone?!?

Sounds familiar? Na ja, es geht halt praktisch allen Paaren irgendwann so. Oder so ähnlich.

Verschärft wird diese Herausforderung dadurch, dass heute die Verheissung des vermeintlich Besseren nur einen Swipe entfernt ist. Eine Beziehung ist wie ein Garten – und blüht daher leider nicht von allein, sondern will kontinuierlich gehegt und gepflegt werden. Deshalb fängt dort, wo romantische Liebeskomödien aufhören, Beziehungsarbeit an.

Wie führe ich eine gelingende und blühende Beziehung?

Wir müssen regelmässig Unkraut jäten, düngen, giessen und dafür sorgen, dass es genug Licht und Wärme gibt.

Unkraut jäten bedeutet, an schwierigen Beziehungsmustern (Schemata) zu arbeiten. Düngen, giessen und für Licht und Wärme sorgen heisst, die Ressourcen und Potentiale der Beziehung zu entfalten. Die Positive Psychologie bietet verschiedene effektive Instrumente, die dabei helfen können, Ressourcen aufzubauen.

Was ist überhaupt Positive Psychologie?

Die Wissenschaft der Positiven Psychologie beschäftigt sich mit dem gelingenden und sinnerfüllten Leben. Unter anderem geht es um die Fragen, was förderlich ist für Glück und Zufriedenheit, wie man Stärken auf- und ausbauen kann, was wichtig ist fürs Sinnerleben und unter welchen Voraussetzungen (Paar-)Beziehungen gelingen.

Die traditionelle Psychologie hatte über hundert Jahre lang den Fokus nahezu ausschliesslich auf psychische Krankheiten und Störungen gelegt – mit der Perspektive: „Was ist falsch? Wo klemmt’s? Wo liegt das Problem?

Dagegen ergänzt die Positive Psychologie diese Perspektive und fragt: „Was ist richtig? Was läuft gut? Was ist aussergewöhlich im positiven Sinne? Wo liegen die Stärken?“

Dünger für die Beziehung: Puffer

Ein Instrument der Positiven Psychologie sind positive Interaktionen und ein Beziehungspuffer. Konflikte, Alltag und Routinen zehren an unserem Beziehungspuffer. Beziehungspuffer ist der Dünger, von dem sich eine Beziehung nährt. Deshalb ist es von fundamentaler Wichtigkeit, dass wir diesen Beziehungspuffer gezielt auf- und ausbauen. Das hilft uns, auch in schwierigen Situationen und Zeiten nicht von einem Negativstrudel hinabgesogen zu werden.

Der Paarforscher John Gottman beobachtete bei unglücklich-instabilen Partnerschaften ein deutliches Übergewicht negativer Interaktionen. Die sogenannte Gottman-Rate von 5:1 besagt, dass in stabilen und zufriedenen Beziehungen das Verhältnis von positivem zu negativem Verhalten mindestens 5:1 beträgt.

Das heisst: Eine negative Interaktion wie ein Streit kann durch fünf positive Interaktionen ausgeglichen werden. Um Beziehungspuffer aufzubauen, sollte Negatives eingerahmt werden durch möglichst viele kleine (und gerne auch ein paar grosse) schöne Momente und Gesten: ein gutes Gespräch, eine Umarmung, gemeinsames Lachen, ein Dankeschön, etwas Nachsicht, eine Birkin Bag, einen Maserati. Im Matchbox-Format zählt auch.

Positive Psychologie für Paare - Where have all the flowers gone? - Blume schenken - www.anyworkingmom.com
Viele kleine schöne Momente und Gesten bauen Beziehungspuffer auf. (Bild: Pixabay)

Wasser: Stärken der Beziehung kultivieren

Ein weiteres Instrument zur Pflege des Gartens ist das Kultivieren der Stärken einer Paarbeziehung. Oftmals sehen wir vor allem die Schwächen und Defizite unserer Partner:in und unserer Beziehung – in neonfarbener Leuchtreklameschrift.

Was ist dagegen mit den Stärken unserer Paarbeziehung? Was können wir besonders gut? Was zeichnet uns aus – vielleicht gerade auch in schwierigen und widrigen Umständen? Wie können wir diese Stärken unserer Beziehung noch besser pflegen und ausbauen?

Diese Fragestellungen lenken den Fokus bewusst auf die Stärken und helfen dabei, Dinge zu sehen, die wir allzu oft im Laufe der Zeit einfach als selbstverständlich hinnehmen und nicht genug wertschätzen. Diese Stärkenorientierung trägt übrigens auch dazu bei, weiteren Beziehungspuffer aufzubauen.

Licht und Wärme: Gemeinsame Vision

Eine gemeinsame Vision ist ein weiteres Hilfsmittel, das Wärme und Licht spendet und Beziehungspuffer aufbaut. Gerade bei jungen Eltern, wenn Paarzeit kaum noch oder überhaupt nicht mehr stattfindet, geraten manchmal gemeinsame Träume und Visionen in Vergessenheit oder verlieren sich. Visionen sind Pläne mit Flügeln, ausgemalte Wunschvorstellungen unserer Zukunft, deren starke Bilder uns magisch anziehen und motivieren.

Wir wissen aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass gemeinsame Visionen Menschen extrem stark verbinden, sich dementsprechend positiv auf die Beziehungsqualität auswirken und helfen, Widerstände und Hindernisse zu überwinden. Eine gemeinsame Vision kann für Paare also wunderbar beziehungsstiftend wirken.

Eine Beziehung zu pflegen, ist besonders für junge Eltern anspruchsvoll. www.anyworkingmom.com
Wer gemeinsame Visionen und Zukunftsperspektiven hat, kann das Alltägliche besser durchstehen. (Bild: Mixkit)

Ausgangsbasis für die gemeinsame Vision ist, dass sich jeder Partner zunächst Gedanken über seine eigene, individuelle Vision macht und diese zu Papier bringt. Wie sähe mein Leben aus, wenn sich alles nach meinen Wünschen entwickeln würde? Und zwar in den für mich wesentlichen Lebensbereichen wie Partnerschaft, Familie, Arbeit, Freizeit, Gesundheit, soziales Engagement und weiteren relevanten Feldern. In einem späteren Schritt werden die beiden individuellen Varianten zusammengeführt. Wichtig ist, die Ideen zu visualisieren und möglichst detailliert und bildreich zu beschreiben.

Positive Kommunikation in der Beziehung und #lifehacks4balance

Zwei weitere, wichtige Ressourcen, die dem Garten zur Blüte verhelfen, sind: wertschätzende, respektvolle Kommunikation und Lifehacks im Bereich Organisation und Zeitmanagement, die im verdichteten Alltagsstress Paaren dabei helfen sollen, Räume für Entlastung und Paarzeit zu finden.

Flower Power!

Unsere Beziehung ist also wie ein Garten. Wenn wir wollen, dass sie wächst und gedeiht, müssen wir ihr beständig Zeit, Zuwendung und Leidenschaft widmen. Ansonsten verkommt sie – im schlimmsten Fall zu einer Steinwüste. Die gute Nachricht ist: Wir haben es – zumindest bis zu einem gewissen Grad – in der Hand, können unseren Garten selbst gestalten und zum Erblühen bringen. Jeden Tag aufs Neue.


Positive Psychologie in der Beziehung – Kostproben zum Ausprobieren

Hier drei kleine Kostproben für diejenigen, die ein paar Instrumente aus der Positiven Psychologie ausprobieren möchten:

Moments of Excellence

Wenn Ihr über die Geschichte Eurer Beziehung reflektiert, welche speziellen Momente als Paar kommen Euch in den Sinn? In welchen Momenten habt Ihr Euch als Paar besonders stark, harmonisch, intim oder verbunden gefühlt? Was also sind Eure Moments of Excellence als Paar?

Wichtig dabei ist, dass diese Moments of Excellence nicht unbedingt nur alles überragende Höhepunkte (wie Hochzeiten, Geburten, Weltreisen) sind, sondern durchaus auch kleine, spezielle Momente, die nach aussen hin vielleicht gar nicht besonders spektakulär gewirkt haben, aber dennoch für Euch als Paar besonders positiv waren.

Die Stärken unserer Paarbeziehung

Welche Stärken zeichnen Eure Paarbeziehung aus? Worin spiegeln sich diese? Was wären konkrete Beispiele, wo diese Stärken zur Anwendung kommen?

Vision

Stellt Euch vor, wir schreiben das Jahr 2030. In diesem Jahr lebt Ihr Euren Traum. Ihr lebt an dem Ort, an dem Ihr schon immer leben wolltet, mit dem oder den Menschen, mit dem/denen Ihr am liebsten zusammenleben möchtet. Ihr macht die Arbeit, die Ihr eigentlich schon immer machen wolltet – und zwar in dem Umfang, der für Euch ideal ist.

An Eurer Bluse oder Eurem Hemd ist eine Webcam installiert, die Euch einen Tag lang begleitet. Welche Bilder sieht man in diesem Video-Stream? Wo seid Ihr? Was tut Ihr? Wer ist bei Euch?

Autor

Amel Rizvanovic schreibt über positive Psychologie und wie wir damit unsere Beziehung pflegen. www.anyworkingmom.comAmel Rizvanovic ist Coach und Consultant in Luzern, Vater einer kleinen und zweier grosser Töchter. Gemeinsam mit seiner Frau, der Psychotherapeutin Felizitas Ambauen, hat er den Paarcours entwickelt. Ein Konzept für Paare, die an ihrer Beziehung wachsen möchten. Die Schwerpunkte von Amels Arbeit bilden Positive Psychologie, Kommunikation und Organisationsentwicklung. Mehr über Amel gibt’s auf Facebook und Instagram sowie auf  www.ambauen-psychologie.com.

Ebenfalls von uns mit Amel Rizvanovic:

Lifehack für Liebesglück: Stärken stärken in der Beziehung

Wir streiten immer über dasselbe. Wie kommen wir da raus?

Meine Stärken erkennen und nutzen – wie geht das?

Podcast-Reihe “Du so. Ich so.” mit Amel Rizvanovic und Felizitas Ambauen

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Ein Kommentar zu “Beziehung pflegen oder retten? Tipps aus der Positiven Psychologie

  • Danke für diesen Artikel; er ist wirklich sehr alltagsnah und verständlich geschrieben und gibt einen guten Einblick in die Möglichkeiten der positiven Psychologie.

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